Einleitung:
Es ist gemeinhin eine
Selbstverständlichkeit, dass jeder, der sich
über chinesische Kunstinformieren möchte, etwa
in Köln, Paris, London oder in New York in den
dortigen Museen umfassende Sammlungen finden
kann, die nahezu sämtliche Bereiche der
chinesischen Kunstgeschichte veranschaulichen.
Nicht etwa, dass dies in Shanghai, Peking oder in
Taipeh unmöglich wäre, und gewiss ist die
herausragende Bedeutung der chinesischen und
taiwanesischen Sammlungen nicht zu bestreiten,
doch der enorme Umfang von antiken chinesischen
Kunstobjekten, die im Laufe der "gemeinsamen
historischen Erfahrung imperialer
Herrschaft" (Said 1994:26) der Kulturen des
Westens und Asiens nach Europa und in die USA
gelangt sind, dürfte nur für die wenigsten
überschaubar sein. Wer sollte denn Einblick
haben in die Bestände unzähliger Museen,
Privatsammlungen, Galerien, Kunsthändler und
Auktionshäuser des Westens, in denen die Kunst
Chinas lagert, begutachtet wird und zirkuliert?
Besonders Objekte aus ehemaligem kaiserlichen
Besitz erzielen auf internationalen Auktionen
Rekordpreise und werden in einigen Fällen von
chinesischen Unternehmen oder privaten Sammlern
zurückgekauft. Im Jahr 2001 erreichten auf
Auktionen von Sotheby`s und Christie`s in
Hongkong vier Objekte, die im 19.Jh aus dem
Sommerpalast entwendet worden waren, einen
Rekordpreis von 6 Millionen US-Dollar. Die
Käufer waren chinesische Unternehmen, welche die
Rückkehr dieser nationalen Schätze
sicherstellen wollten. (Hevia 2003:331).
Um ein weiteres Beispiel zu nennen, seien die
Auktionen The Imperial Sale von Christie`s
in den Jahren 1996 und 1997 genannt, auf denen
sowohl Objekte gehandelt wurden, die aus dem
Sommerpalast stammen, als auch solche, die im
Peking des Jahres 1900 geplündert wurden und
bereits 1915 in London gehandelt wurden. Ein aktuelles Beispiel ist eine
Auktion mit dem viel sagenden Namen Yuan Ming
Yuan - The Garden of Absolute Clarity and
Imperial Peking, The Last Days, die von
Sotheby`s im Oktober 2007 in Hongkong
durchgeführt wurde. Hier wurden Kriegstrophäen
aus dem Sommerpalast verkauft, bei denen es sich
genauso wie bei den anderen genannten
Auktionsgegenständen um gestohlene Kulturgüter
handelt. Diese Tatsache wird in den
Auktionskatalogen nicht etwa verheimlicht,
sondern sie wird sogar besonders hervorgehoben,
da sich diese Provenienz wertsteigernd auf die
Objekte auswirkt.

Die hohe Qualität chinesischer
antiker Kunstschätze, die sich in westlichen
Sammlungen befinden, ließe sich durch zahlreiche
Beispiele illustrieren. Zu den weltweit
bedeutendsten Sammlungen chinesischen Porzellans
und Keramik zählt beispielsweise die Percival
David Collection, welche in den Besitz der
University of England übertragen wurde. Percival
David baute seine Sammlung, die auch kleine
kaiserliche Sammlung bezeichnet wird, seit
Beginn der 1920er Jahre auf, zu einer Zeit, als
das noch möglich war, als die entsprechenden
Gegenstände noch im Umlauf waren und zu
verhältnismäßig erschwinglichen Preisen zu
erwerben waren. Auch die Sammlung von Percival
David verdankt ihr Entstehen der Tatsache, dass
chinesische Antiquitäten in den ersten drei
Jahrzehnten des 20.Jhdts in großen Mengen auf
die internationalen Kunstmärkte kamen. Gewiss
stammte nur ein geringer Teil der damals
gehandelten chinesischen Kulturgüter aus den
Plünderungen in Nordchina 1900/01, doch gerade
der internationale Chinafeldzug in diesen beiden
Jahren, welcher die Besetzung und Plünderung
sämtlicher wichtiger Gebäude, Tempel- und
Palastanlagen in der chinesischen Hauptstadt zur
Folge hatte, könnte sich auf den internationalen
Kunstmärkten katalysierend ausgewirkt haben.

Im ersten Jahrzehnt des 20.Jhdts ist
eine Art Gründerzeit auf dem Bereich der
Sammlung und Erforschung chinesischer Kunst im
Westen anzusiedeln. Eine der frühesten
Versteigerungen chinesischer Antiquitäten in
Europa fand 1901 bei Heberle in Köln statt,
sofern man die Auktionen der europäischen
Handelsgesellschaften seit dem 17.Jh außer Acht
lässt. Auf Ausstellungen in Leipzig 1902 und in
Berlin 1903 wurde erstmals ausschließlich antike
chinesische Kunst einem breiteren Publikum
präsentiert. Das Ehepaar Fischer bekundete
bereits 1903 die Notwendigkeit der Gründung
eines Museums, in dem ausschließlich
ostasiatische Kunst ausgestellt wird. Die
Fischers hatten Großteile ihrer Sammlung bereits
dem Berliner Museum für Völkerkunde übergeben,
als sie 1905 zu einer dritten Reise nach Ostasien
aufbrachen, auf der sie bis 1908 in ganz China
"große Kunst der großen Epochen"
(Kopplin in Goepper (Hg.) 1977:40)
zusammentrugen. 1905 erschien erstmals die
Zeitschrift Museumskunde, in welcher
sogleich die Forderung laut wurde, dass die
chinesische Kunst in eigenen Abteilungen der
Museen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht
werden sollte. Das Jahr 1906 wird schließlich
als das Gründungsjahr einer eigenständigen
Abteilung für Ostasiatische Kunst der Berliner
Museen gefeiert, wobei diese Abteilung erst 1921
in einem eigenen Gebäude untergebracht wurde.
Das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln
wurde 1913 eröffnet, zu einem Zeitpunkt, an dem
"der ferne Osten (bereits) seinen Platz im
deutschen Antiquitätenhandel nach 1900 erworben
hat". (Kopplin in Goepper (Hg.) 1977:43). In
den darauf folgenden Jahren ereigneten sich die
bedeutendsten Ausstellungen auf diesem Gebiet vor
Beginn des zweiten Weltkrieges: die Ausstellung Chinesische
Kunst in Berlin 1928/29 und die
internationale Ausstellung chinesischer Kunst in
London 1935. Beide Ausstellungen stellten sowohl
hinsichtlich ihrer Besucherzahlen als auch auf
die Anzahl der Objekte und Leihgeber bezogen
Rekorde auf. In beiden Fällen wurde die
chinesische Kulturgeschichte in vormals nicht
gekannter Weise umfassend mit hochwertigen
Exponaten repräsentiert. (Goepper (Hg.) 1977).
Es ist sicherlich problematisch, einen direkten
Zusammenhang zwischen dem Beginn eines Booms auf
dem Gebiet der chinesischen Kunst zwischen 1900
und 1910 und den Plünderungen chinesischer
Kulturgüter in Peking und Nordchina 1900/01 zu
belegen - es wäre jedoch fragwürdig, wollte man
einen solchen Zusammenhang leugnen.

Auf dem Gebiet der
Kunstwissenschaften scheint das Vorhandensein der
zahlreichen, einzigartigen Artefakte der
materiellen Kultur Chinas in Europa und in den
USA nicht allzu große Verwunderung
hervorzurufen. Die Trennung von Kunst und Politik
bzw. von Kulturgütern und Zeitgeschichte ist ein
verstecktes, wenn auch häufig vorkommendes
Phänomen im Kulturbetrieb. Fremde Kulturen und
ihre Kunst werden zwar exponiert, doch bleiben
bestehende Zusammenhänge zu bedeutenden und oft
grausamen Ereignissen der Geschichte leider viel
zu oft unerwähnt, so dass ein Bild vermittelt
wird, welches ungetrübt dem Genuss des
Schönen dient. In einer seiner Definitionen
von Kultur betont Said diese Erhabenheit,
welche mit einer bestimmten Idee von Kultur verbunden
ist:
"Das Problem mit dieser Idee
von Kultur ist nun, dass sie die Verehrung der
eigenen Kultur nach sich zieht, aber gleichzeitig
die Vorstellung fördert, sie sei von der
Alltagswelt strikt geschieden. Die meisten
professionellen Humanisten sind daher unfähig,
eine Verbindung zwischen der Grausamkeit solcher
Praktiken wie Sklaverei, Kolonialismus,
rassischer Unterdrückung, imperialer
Unterwerfung einerseits und der Dichtung,
Literatur und Philosophie der Gesellschaft, die
sich auf diese Praktiken einlässt, andererseits
herzustellen." (Said 1994:16).

Die hier angesprochene Verbindung
wird im Kulturbetrieb des Westens überwiegend
nicht hergestellt, wenn es um die ostasiatische
Kunst- und Kulturgeschichte geht. In
Ausstellungen und Publikationen auf diesem Gebiet
bleibt der Zusammenhang zu den grausamen
Umständen des Erwerbs der entsprechenden Objekte
in nahezu allen Fällen unerwähnt. Wenn einzelne
Gebiete der ostasiatischen Kunstgeschichte, wie
beispielsweise frühe buddhistische
Figurendarstellungen der Seidenstrasse, in
europäischen Museen ausgestellt werden, so muss
die zugehörige Frage lauten: Woher haben unsere
Museen diese Objekte? Gewiss mögen Forscher und
Wissenschaftler des 19.Jhdts kein Unrecht darin
gesehen haben, auf Expeditionsreisen Ausgrabungen
durchzuführen oder Wandmalereien abzuschlagen.
Auch in den westlichen Eisenbahngesellschaften
wurde zu Beginn des 20.Jhdts nichts Anstößiges
darin gesehen, chinesische Hügelgräber zu
öffnen, die auf den Routen der Eisenbahnen
lagen, und deren Inhalt dem Kunsthandel
zuzuführen. Nein, man setzte den Anspruch auf
Eisenbahnbau notfalls mit Waffengewalt durch.
Dementsprechend sahen sich die Plünderer in
Peking 1900/01 ebenfalls nicht im Unrecht, wenn
sie sich Souvenirs mitnahmen oder geplünderte
Gegenstände erwarben. Auf diese Umstände werden
wir in Kapitel VII. Die Logik des Ganzen.
zu sprechen kommen. Doch aus heutiger Sicht ist
die Frage nach der Legitimität von staatlichem
Kulturbesitz, der aus unrechtmäßigen
Erwerbungen stammt, prinzipiell berechtigt.
Die Geschichte des Imperialismus
wird in neueren Forschungstendenzen nicht mehr in
vermeintlich klar voneinander abgegrenzten
Kategorien wie "der Westen" und der
"der Orient" oder "die
Weißen", "die zivilisierte Welt",
"die Barbaren" und dergleichen
beschrieben. Eine derartige Sichtweise, in
welcher Identitäten in statischen Begriffen
gefasst wurden, bildete "in der ganzen Ära
des Imperialismus das Kernstück kulturellen
Denkens." (Said 1994:30). Schon längst sind
derartige Ansichten, in denen zwei Seiten
schemenhaft gegenüberstellt werden, durch neuere
wissenschaftliche Arbeiten ins Wanken geraten. In
den Chinawissenschaften wurde innerhalb der
vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte versucht,
die Geschichte des 19.Jhdts nicht mehr aus
eurozentrischer Perspektive zu erforschen,
sondern die Vielschichtigkeit und die
Komplexität der Verflechtung internationaler
Mächte zu berücksichtigen. Die vermeintlich
klaren Trennlinien zwischen Aggressoren und
Opfern imperialen Machtstrebens werden immer mehr
hinterfragt und widerlegt. Der Beschäftigung mit
den Plünderungen von Kulturgütern in Peking
1900/01 im Kontext des Imperialismus muss
zwangsläufig eine theoretische Position bzw.
eine Interpretation der Geschichte zurunde
liegen. Die in der chinabezogenen
Geschichtsforschung üblichen theoretischen
Ansätze beschäftigen sich mit Art und Umfang
der Auswirkungen des westlichen Imperialismus auf
die chinesische Entwicklung. Auf einer pauschalen
Ebene von großen sozialwissenschaftlichen und
politischen Theorien wurden dabei
unterschiedliche Erklärungsansätze entwickelt.
Hierbei geht es jeweils um
Interpretationsansätze für die gesamte
Geschichte des westlichen Imperialismus auf China
bezogen. War der (westliche) Imperialismus
die Hauptursache für die Transformation der
chinesischen Gesellschaft von einer feudalen in
eine halbfeudale und von einer unabhängigen in
eine halbkoloniale Gesellschaft? Oder werden die
Auswirkungen des Imperialismus, der sich
schließlich nur in begrenzten Territorien
manifestierte, auf die Entwicklung des gewaltigen
chinesischen Reiches überschätzt? Demgegenüber
betont eine weitere Interpretation die
Modernisierungskraft des Imperialismus. Durch die
Demonstration von technologischer, ökonomischer
und militärischer Fortschrittlichkeit wurde
letztlich dazu beigetragen, dass das chinesische
Reich Modernisierungsimpulse wahrnehmen konnte.
Doch gerade durch die Einbindung Chinas in das
kapitalistische Weltsystem (Dependenzargument)
sei eine autarke Modernisierung Chinas verhindert
worden. Insbesondere in kulturgeschichtlichen
Forschungsansätzen wird die kulturelle
Herausforderung der Konfrontation des Westens mit
China betont, wobei ökonomische Aspekte
vernachlässigt werden.

Bei der Untersuchung der
Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01
werden diese zwar in den Kontext des
Imperialismus gestellt, aber sie werden nicht in
eine übergreifende Theorie eingebettet, die den
Imperialismus im Ganzen und Allgemeinen
interpretieren würde. Die Vielschichtigkeit und
Widersprüchlichkeit des Kontaktes zwischen
verschiedenen Kulturen unter den Vorzeichen des
Imperialismus erfordert eine genauere Betrachtung
von räumlich, zeitlich und sachlich
eingegrenzten, historischen Situationen.
Insbesondere die Plünderungen in Peking sind von
Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit
geprägt. Die Frage beispielsweise, welche
Nationalstaaten von der Eroberung Pekings in
welchem Umfang profitiert haben, zielt an der
Bandbreite des Phänomens vorbei. Die Akteure,
Profiteuere und Verlierer von den Ereignissen in
Peking 1900/01 gehen über die Kategorien hinaus,
welche mit nationalen Zugehörigkeiten
beschrieben werden können. Dementsprechend
werden in neueren Arbeiten der chinabezogenen
Geschichts- und Imperialismusforschung nicht mehr
Nationalstaaten als wesentliche Akteure
beschrieben, sondern es werden andere soziale
Formen betont, etwa kulturellen Hybride, Mittler,
Einzelpersonen oder Kollektive, welche sich neue
Identitäten in den Zwischenräumen der
kulturellen Konfrontation suchten. Auch die
Plünderungen in Peking 1900/01 wurden von einer
kaum überschaubaren Vielzahl und
Vielschichtigkeit an Akteuren ausgeübt. Es waren
indische Sikhs, die für die britische Armee
kämpften und es gab sogar chinesische Soldaten,
welche von den Briten in Weihaiwei rekrutiert
worden waren und daher ihre eigenen Landsleute
bekämpften. Es gab chinesische Plünderer sowie
Händler und profitierende Mittelständler, die
sogar aus anderen Großstädten nach Peking
reisten, um Kulturgüter zu erwerben - und damit
protestierten sie nicht etwa gegen den
Kulturgüterraub, sondern sie versuchten, eigenen
Profit daraus zu schlagen. Es gab christlich
konvertierte Chinesen, die nicht nur ihre
Landsleute verrieten, indem sie ausländischen
Soldaten den Weg wiesen, sondern die ihre eigenen
Landsleute sogar ausraubten und deren
Habseligkeiten verkauften. Es gab unter den
Invasoren Soldaten der unterschiedlichsten
Herkunft: Japaner, Russen, Inder, Vietnamesen
(für die französische Armee), Amerikaner,
Deutsche usw. Diese heterogene Konstellation in
Peking 1900/01 übersteigt übliche
Möglichkeiten und Kategorien der Beschreibung
historischer Ereignisse. In einigen
Forschungsarbeiten wird versucht, ähnlichen
Problemen dadurch Abhilfe zu schaffen, indem
einzelne Personen oder Gruppen gesondert
betrachtet werden. Dabei treten kulturelle
Hybride zum Vorschein, die beispielsweise ihre
westliche Heimat verlassen hatten und Jahrzehnte
lang in China lebten sowie Familien gründeten
und dort sesshaft wurden.
Bezüglich der Plünderungen von
Kulturgütern in Peking 1900/01 spielt die Frage
nach den kulturellen Identitäten der Beteiligten
eine wichtige Rolle: Wenn gefragt wird, wer die
Akteure der Plünderungen 1900/01 waren, so muss
vergegenwärtigt werden, dass dieses Akteure
nicht immer mit der Kategorie nationale
Zugehörigkeit angemessen beschrieben werden
können. Beispielsweise war es nicht einfach die
britische Armee, welche den Himmelstempel besetzt
hatte, sondern es waren bengalische Lanzenreiter
und Inder, welche dies im Dienst der britischen
Armee taten. Weitaus komplexer verhält es sich
zum einen mit Chinesen, die zum Christentum
konvertiert waren und zum anderen mit
Deserteuren, die sich zum Teil mit Chinesen
zusammenschlossen, um gemeinsam in den Dörfern
und Städten rund um Peking zu plündern.
Berücksichtigt man darüber hinaus den Umstand,
dass die han-chinesische
Bevölkerungsmehrheit Chinas unter einer
mandschurischen Fremdherrschaft ins
Desaster geraten war, so ergibt sich ein noch
komplexeres Bild unterschiedlicher Identitäten,
die sich zum Teil voneinander abgrenzen und sich
zum Teil miteinander verbinden. Wir werden auf
die Frage nach den kulturellen Identitäten der
Akteure zurückkommen - zunächst ist es jedoch
wichtig, dass man Gewinner und Verlierer des
Einmarsches und der Plünderungen in Peking
1900/01 nicht immer klar voneinander abgrenzen
und bestimmen kann. Es waren nicht einfach die
Chinesen, die alles verloren haben, genauso
wenig, wie die Ausländer immer nur
gewonnen haben. Es gab auf beiden Seiten sowohl
Verluste als auch Profite. Eine derart
durchmischte Situation wie in Peking 1900/01
drückt sich treffend in den folgenden Worten von
Bickers und Henriot aus: "A multiplicity of
actors operating under the shadow of anyone
state." (Bickers und Henriot (Hg.) 2000:4).
Oder, um es mit Edward Said zu sagen: "Alle
Kulturen (.) sind ineinander verstrickt; keine
ist vereinzelt und rein, alle sind hybrid,
heterogen, hochdifferenziert und
nichtmonolithisch." (Said 1994:30).
Die Gewaltanwendungen und
Grausamkeiten, die gegenüber Chinesen verübt
wurden, sollen durch die Betonung der
Vielschichtigkeit der Akteure jedoch nicht
verharmlost werden. Letztlich sind
Kategorisierungen der Akteure bei der
Beschreibung historischer Vorgänge nicht nur
hilfreiche, sondern auch notwendige Werkzeuge.
Durch die Betonung der Heterogenität soll zwar
ein erweiterter Blickwinkel auf die Ereignisse in
Peking 1900/01 ermöglicht werden. Doch in dieser
Magisterarbeit soll nicht auf praktische
Werkzeuge verzichtet werden. Daher werden auch
vereinfachende Kategorien zur Beschreibung von
Ereignissen verwendet, wie etwa "die
Chinesen" oder "die Ausländer".

Die Zerstörungen, Brandlegungen,
Plünderungen und Massaker in der chinesischen
Hauptstadt, die ein bis dahin nicht gekanntes
Ausmaß erreichten, wurden von Mitgliedern und
Zugehörigen der acht alliierten Mächte
unmittelbar nach der Eroberung Pekings begonnen,
sofern sie nicht schon mit dem Eindringen der
Soldaten einhergingen. Mit wenigen Worten
beschrieb Paula von Rosthorn diese Ereignisse in
ihrem Tagebuch: "Erbarmungslos wurde alles
niedergemacht, Männer, Frauen und Kinder, alles
Wertvolle geraubt und dann die Häuser in Brand
gesteckt." (Pechmann (Hg.) 2001:88). Die
brutalen Aktionen, die in den folgenden Kapiteln
beschrieben werden, hatten die unmittelbare und
wirkungsvolle Demütigung des chinesischen
Volkes, seiner Aristokratie, seiner Tradition und
Kultur zum Ziele. Es war erklärte Absicht der
alliierten Mächte, der chinesischen Monarchie
bzw. der chinesischen Bevölkerung als solche
eine möglichst nachhaltige Straflektion zu
erteilen, ohne jedoch zu bewirken, dass das
chinesische Reich völlig in sich
zusammenbräche. (Hevia 2003:196). Das
vorgegebene militärische Ziel, namentlich die
Befreiung der in Peking festsitzenden Gesandten
und jeweiligen Landsleute, sowie Missionare und
deren Anhänger, wurde weitaus schneller erreicht
als erwartet. Vom Aufbruch der Truppen aus sechs
Nationen am 4.8.1900 in Tianjin bis zur
Endsatzung der Belagerten am 14.8.1900 in Peking
inklusive der Befreiung der Christen in der
Nordkathedrale am 16.8.1900 vergingen
gerade einmal 12 Tage. In dieser Zeit legten rund
18 500 Soldaten der Armeen von Japan, Russland,
Großbritannien, den Vereinigten Staaten von
Amerika, Frankreich, Italien und Österreich eine
Strecke von 137 Kilometern von Tianjin nach
Peking auf drei Marschrouten verteilt zurück.
(Wang 2003:349). Dass die Befreiung der in Peking
belagerten Ausländer für die Invasoren nur ein
Vorwand war, zeigt, was im Anschluss an den
Truppeneinmarsch passiert ist. Es kam nicht nur
zur Besetzung, Plünderung und teilweisen
Zerstörung sämtlicher bedeutungsvoller Gebäude
und Anwesen der Qing-Administration, wie etwa
Paläste, Ministerien, Lagerhäuser,
Bibliotheken, Tempel, rituelle Anlagen, Anwesen
von Prinzen und Beamten, sondern auch zur
Plünderung von Privathaushalten auf dem gesamten
Stadtgebiet. Bis zum Ende der
Besatzungszeit im August 1901 nahmen die Verluste
von Kulturgütern bzw. von Wertsachen auf dem
gesamten Pekinger Stadtgebiet unbeschreibliche
Ausmaße an. Der amerikanische Marshall Bertram
L. Simpson schrieb: "What immense quantities
of things have been taken! Every place of
importance, indeed, has been picked as clean as a
bone." (Weale 1906:287). Darüber hinaus kam
es jedoch auch zu verheerenden Ausschreitungen
der Pekinger Stadtbevölkerung gegenüber. Zum
einen waren vermeintliche Mitglieder der Yihetuan
für die ausländischen Soldaten in keiner Weise
von der unschuldigen Stadtbevölkerung zu
unterscheiden, weshalb viele aufgrund von
willkürlichen Entscheidungen als Yihetuan
klassifiziert wurden. Und zum anderen wurde
genauso wie in Tianjin und in den Städten und
Dörfern auf der Marschroute in Richtung Peking
Teile der unschuldigen Bevölkerung inklusive
Alten, Frauen, Kindern und Kranken schlichtweg
massakriert. Das in Brand legen von Wohnvierteln
und das anschließende Erschießen der aus den
Flammen Flüchtenden war genauso an der
Tagesordnung wie Vergewaltigungen sowie Tötungen
auf unterschiedliche Weisen. Die Pekinger
Oberschicht, d.h. Angehörige des Kaiserhofs,
Prinzen, Beamte, Aristokraten, die gebildete
Gentry, ereilte ein ebenso bedauernswertes
Schicksal. Angehörige dieser Schicht waren
vorderste Adressaten der Demütigungen. Ein
großer Teil der Aristokratie konnte zwar dem
fliehenden Kaiserhof folgen, welcher in letzter
Minute in den frühen Morgenstunden des 15.8.1900
die Kaiserstadt in Richtung Norden verließ,
während alliierte Truppen bereits von Osten her
das Donghua-Tor der Kaiserstadt angriffen. Die zurückgebliebenen Angehörigen
der Oberschicht jedoch begingen in der Mehrheit
Selbstmord, um nicht den Fremden in die Hände zu
fallen. Wem dies doch passierte, der wurde bis
auf das Äußerste gepeinigt und gedemütigt,
wozu unter anderem die Vergewaltigung der
weiblichen Familienangehörigen zählen konnte.
(Wang 2003:349; Tian (Hg.) 2001:275; Weale
1906:293).

Die Demütigung der chinesischen
Monarchie fand einen vorläufigen symbolischen
Höhepunkt im so genannten Triumphmarsch durch
die Verbotene Stadt am 28.8.1900. Hier parierten
Invasoren unter acht verschiedenen Flaggen auf
kaiserlichem Boden, entweihten somit das
Heiligste aller chinesischen Heiligtümer und
entzauberten die symbolische Bedeutung des Sohn
des Himmels, der in der traditionellen
chinesischen Weltordnung einen universellen
Herrschaftsanspruch erhob. Dass den
Eindringlingen die symbolische Bedeutung ihres
Vorgehens durchaus bewusst war, beweisen zum
einen kontroverse Diskussionen über die
Notwendigkeit und das Ausmaß der Entweihung der
Verbotenen Stadt. Zum anderen sprechen aber auch
zahlreiche Fotographien dafür, auf denen sich
die ersten Weißen (first white men) in
der Verbotenen Stadt ablichten ließen, die diese
Palais und Räumlichkeiten inklusive der
kaiserlichen Privatgemächer jemals betraten.
(Hevia 2003:195-204). Der Symbolgehalt könnte
kaum größer sein, da die Verbotene Stadt das
Zentrum des chinesischen Reiches und damit des
chinesischen Universums symbolisierte und völlig
zurecht als das "legendärste aller
militärischen Operationsziele" (Fleming
1959:229) wahrgenommen wurde.

Bei den Plünderungen von
Kulturgütern in Peking 1900/01 handelte es sich
nicht um ein kurzfristiges Ereignis, welches
durch Verbote und Regeln schnell unter Kontrolle
gebracht werden konnte. Gewiss dienten Verbote
und Systematisierungen der Methoden der Aneignung
von Kriegstrophäen, welche insbesondere bei der
britischen Armee zum Einsatz kamen, der
Wiederherstellung von Disziplin und Moral. (Hevia
in Leutner 2007:147-152). Doch wir werden in den
kommenden Kapiteln sehen, dass auch in streng
bewachten Gebäudeanlagen gestohlen wurde und
dass sich privat organisierte Gruppen von
Plünderern nicht durch Verbote abschrecken
ließen, sondern in einigen Fällen sogar
Chinesen dazu missbrauchten, für sie Beutegut zu
beschaffen. Es blieb in Peking 1900/01 nicht bei
kurzfristigem Diebstahl und Zerstörung von
Kulturgütern, Wertsachen, Dokumenten und
Gebäuden, sondern es entwickelten sich im Laufe
der Monate Strukturen, welche das Plündern sowie
den Handel mit gestohlenem Gut förderten und
festigten. Diese Strukturen gingen soweit, dass
sowohl chinesische als auch ausländische
Händler nach Peking reisten, um kostbare
Kulturgüter zu erwerben, die mit einem Mal in
Reichweite für jedermann kamen.
Bevor die Ereignisse in Peking
1900/01 in einen weiter gefassten historischen
und theoretischen Kontext eingebettet werden
können, ist es zunächst wichtig, diese
Ereignisse und insbesondere die Plünderungen im
Detail zu verstehen. Die zentrale Fragestellung
der vorliegenden schriftlichen Arbeit lautet
dementsprechend: Wie fanden die Plünderungen von
Kulturgütern in Peking 1900/01 en détail
statt? Um dies zu klären, muss
selbstverständlich eine Reihe von
untergeordneten Fragen beantwortet werden, die
wie folgt lauten: Wann, wo und wie wurde
angefangen zu plündern? Wie war es soweit
gekommen? Was geschah mit den Einwohnern Pekings?
Wie konnten Raub und Diebstahl vor sich gehen?
Wer waren die Plünderer? Mussten sie sich
verstecken oder konnten sie offensichtlich
plündern? Was geschah mit den gestohlenen
Kulturgütern? Wurden die Objekte etwa geheim
gehalten, versteckt oder unmittelbar ins Ausland
abtransportiert? Oder wurde offen darüber
gesprochen und öffentlich verkauft? Wie lange
dauerten die Plünderungen in der chinesischen
Hauptstadt an? Welche Ausmaße erreichte das
Plündern? Wie hoch mag der Verlust für China
gewesen sein? - All diese Fragen sind Gegenstand
dieser Magisterarbeit, deren grundsätzliches
Forschungsinteresse darin liegt, die
Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01
im Kontext des Imperialismus im Detail kritisch
zu durchleuchten und ausführlich darzustellen. Die Einordnung der Plünderungen in
Peking in den Kontext des Imperialismus am Ende
des 19.Jhdts stellt die zweite Kernaufgabe der
vorliegenden schriftlichen Untersuchung dar. In
diesem Zusammenhang sei auf das zweite und siebte
Kapitel verwiesen, sowie auf Einleitung und
Schlussteil des vorliegenden Textes. In letzterem
wird auf die Frage nach dem Stellenwert bzw. nach
der Bedeutung der Plünderungen in Peking 1900/01
im Kontext des Imperialismus eingegangen. Auch
die Zusammenfassung über den Verbleib der in
Peking gestohlenen Kulturgüter, die in Kapitel
VIII vorgenommen wird, wirft ein weiteres Licht
auf die enge Verbindung zwischen
imperialistischer Weltpolitik und der Aneignung
von Kulturgütern gerade aus denjenigen
Weltregionen, die ins Fadenkreuz der
Imperialisten geraten waren. Schließlich ist die
eingangs erwähnte Selbstverständlichkeit der
Zugänglichkeit asiatischer Kulturrelikte in
westlichen Museen kein Zufall. Trotz der
Konzentration auf Kulturgüter sollte das schwere
Schicksal der Pekinger Bevölkerung genügend
Berücksichtigung erhalten. Kulturgüter sind
letztlich aufs engste mit den Menschen verbunden,
die sie hervorgebracht und bewahrt haben. Die
Entweihungen, Zerstörungen und der Diebstahl von
Kulturgütern in Peking 1900/01 waren Bestandteil
der Demütigungen gegenüber der chinesischen
Bevölkerung bzw. des chinesischen Reiches als
solches. Dies wird in den Kapiteln III und VI
erläutert.

Die nach Orten, Palast-, Tempel- und
Gebäudeanlagen gegliederte Untersuchung der
Plünderungen sowie des ausgiebigen Handels mit
Kulturgütern wirft darüber hinaus die Frage
auf, wie eine derartige Brutalität zu erklären
sei. Warum verhielten sich die Truppen der
zivilisierten Nationen derart barbarisch? Wie
rechtfertigten sie ihr Vorgehen? Da die heterogen
zusammengesetzten Truppen offenbar weder von
Unrechtsempfinden noch von Schuldgefühlen
gequält wurden, werden die Fragen nach den
Motivationen und Intentionen der Truppen
gesondert in Kapitel VII. Die Logik des
Ganzen. behandelt. Dieses Kapitel stellt
einen wichtigen Teil für das Verständnis der
Plünderungen in Peking 1900/01 dar. Es werden
unterschiedliche Aspekte aus zeitgenössischen
Berichten und Kommentaren herausgehoben, um die
Geisteshaltungen der Zeit- und Augenzeugen
nachvollziehbar zu machen. Dabei wird besonderes
Augenmerk auf die Tatsache gelegt, dass
diejenigen Soldaten, welche Peking tatsächlich
einnahmen, in der Mehrheit Japaner, Inder,
Vietnamesen oder Russen waren. Dies führt zu der
Frage, ob die Brutalität derjenigen Truppen,
welche Peking eroberten, mit dem Verweis auf
imperialistische Ideologien und Weltanschauungen
erklärt werden kann. Der hier auftretende
Widerspruch, dass die erobernden Truppen eben
nicht im Wilhelm`schen Sinne nach dem Motto Pardon
wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht
gemacht ideologisch aufgeheizt waren, wird in
Kapitel VII diskutiert.
Gewiss stehen die Vorgänge in
Peking 1900/01 im Kontext der weltpolitischen
Veränderungen in der zweiten Hälfte des
19.Jhdts. Die zunehmende Notwendigkeit der
Weltmächte, in China Einflusssphären zu
sichern, sowie die Bereitschaft, dies auch durch
präventive Militäroperationen zu erreichen,
prägte die historische Ausgangslage in den
letzten Jahrzehnten des 19.Jhdts. Ohne die
Betrachtung dieser strukturellen Bedingungen, der
vielfachen Bedrohungen, denen das chinesische
Reich unmittelbar vor 1900 ausgesetzt waren,
können auch die Plünderungen in Peking 1900/01
nicht nachvollzogen werden. Die historischen
Bedingungen für den internationalen
Kriegseinsatz in China 1900 sowie dessen
unmittelbare Gründe werden in Kapitel II in
knapper Form dargestellt. Mit der Eskalation,
welche sich als Reaktion auf den Aufstand der
Yihetuan ergeben hatte, kam die Aufteilung des
chinesischen Reiches konkret in den Bereich des
Möglichen. Wenn diese Aufteilung von den
Weltmächten um 1900 auch vermieden wurde, die
Gründe dafür werden ebenfalls in Kapitel II
diskutiert, so fand in Peking 1900/01 doch
zumindest die Aufteilung von chinesischen
Kulturgütern und Reichtümern statt. Die
Plünderungen und Besetzungen wichtiger
Einrichtungen der Qing-Administration sind just
im Kontext des Imperialismus zu sehen und können
sogar als eine Art Klimax verstanden werden, bei
dem jahrelange Sehnsüchte von beteiligten
Kollektiven erfüllt wurden. Eine der symbolisch
bedeutendsten Sehnsüchte bezog sich auf die
Verbotene Stadt, die aufgrund ihrer Exklusivität
Gegenstand von Mystifizierungen und Spekulationen
war. Die Intensität der Genugtuung, welche die
Generäle, Offiziere und Truppen der Weltmächte
empfunden mögen haben, als sie am 28.8.1900
triumphierend durch die Verbotene Stadt
marschierten, mit den eigenen Nationalhymnen
erklingend und mit den besten und saubersten
Kleidern, die sie auftreiben konnten, kann nur
mehr erahnt werden. Der Stolz der Beteiligten,
auf dem heiligsten Boden des chinesischen Reiches
zu triumphieren, muss immens gewesen sein.
Es wurden bis hierher
unterschiedliche Themenbereiche miteinander in
Verbindung gebracht: Die Tatsche, dass in den
Museen und Galerien des Westens sehr viele
Kulturgüter aus Ostasien vorhanden sind, wurde
in den Zusammenhang mit der Geschichte des
Imperialismus gestellt. Im Kontext des
Imperialismus wurden die Plünderungen von
Kulturgütern in Peking 1900/01 besonders
hervorgehoben. Im Unterschied zur Plünderung des
Sommerpalastes 1860 handelte es sich in Peking
1900/01 um Ereignisse, an denen weitaus mehr
unterschiedliche Gruppen von Akteuren beteiligt
waren. Unter Verweis auf die Frage nach den
Identitäten der Akteure in kolonialen und
semi-kolonialen Konstellationen wurden auf die
Vielschichtigkeit und die heterogene
Zusammensetzung der Beteiligten an den
Plünderungen in Peking 1900/01 bereits
hingewiesen. Darüber hinaus wurden Sinn und
Notwendigkeit einer konkreten Eingrenzung des zu
untersuchenden Schauplatzes im Verlauf der
Geschichte des Imperialismus dargelegt. Peking
1900/01 ist ein solcher Schauplatz, dessen
Vielschichtigkeit und Komplexität erst durch die
zeitliche und räumliche Begrenzung zum Vorschein
kommen kann. In diesem Sinne stellt die
Untersuchung der Plünderungen von Kulturgütern
eine Momentaufnahme mit Fokus auf Peking
1900/01 innerhalb der Geschichte des
Imperialismus bzw. des Kontaktes zwischen dem
Westen und China dar.
Das zentrale Forschungsinteresse in
den nun folgenden Kapiteln wird die detaillierte
Untersuchung der Plünderungen von Kulturgütern,
d.h. die Beschreibung von konkreten Ereignissen
sein. Auf diese Weise werden nicht nur die
konkreten Umstände und das Ausmaß der
Plünderungen sowie Strukturen, welche
Plünderungen und Handel förderten, deutlich,
sondern es wird auch versucht, das Zustandekommen
dieser Ereignisse nachzuvollziehen, wofür
insbesondere Motivationen und Intentionen der
Beteiligten Truppen untersucht werden (Kapitel
VII). Peking 1900/01 stellte einen
ungeheuerlichen Schauplatz dar, auf dem nicht nur
sämtliche Nationen auftraten, die in der
Weltpolitik zur damaligen Zeit ein
Mitspracherecht einforderten, sondern auch eine
Vielzahl von Akteuren, die zwar unter bestimmen
Staatsflaggen marschierten, sich jedoch nicht in
allen Bereichen ihrer Identität mit diesen
Flaggen identifizierten. Es muss daher klar sein,
dass das ungeheure Chaos, das zu Beginn der
Besatzungszeit in Peking 1900 herrschte, nicht
auf den Seiten eines Papierstapels vollständig
erklärt werden kann. Dennoch kann ein
Papierstapel zum Verständnis dessen beitragen,
was Imperialismus zu einem bestimmten Zeitpunkt
an einem bestimmten Ort bedeutete und bewirken
konnte. Die Kulturgüter können in diesem
Zusammenhang als Medien verstanden werden, mit
deren Zerstörung und Plünderung der fremden
Kultur Demütigungen und Verletzungen,
Zerstörungen und Missachtungen angetan werden
konnten. Die Aufteilung Pekings in
Besatzungszonen und die Besetzung von
Ministerien, Tempeln und dergleichen symbolisierten
nicht nur die bevorstehende bzw. mögliche
Aufteilung Chinas. Nein, mit den Plünderungen
von Kulturgütern wurden tatsächlich Teile der
chinesischen Kultur unter den Weltmächten
aufgeteilt. Die Tiefe des Schmerzes
über diesen Verlust wird durch nichts deutlicher
ausgedrückt, als durch kollektive und einzelne
Selbstmorde von Chinesen/innen, welche in den
Kapiteln III und VI zur Sprache kommen.

Im Allgemeinen werden etwa
Malereien, Keramiken, Textdokumente, Münzen,
rituelle Geräte, Altar- und Tempelfiguren,
kostbare Stoffe, Gewänder und dergleichen Dinge
als Kulturgüter verstanden, wohingegen
Lebensmittel und Tiere nicht als Kulturgüter
betrachtet werden. In der wissenschaftlichen
Beschäftigung mit den Plünderungen von
Kulturgütern übernehmen wir die folgende
konkrete Definition, welche von der UNESCO
erstmals im Jahre 1970 im Übereinkommen über
Massnahmen zum Verbot und zur Verhütung der
rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung
von Kulturgut festgelegt wurde.Artikel eins des Dokuments
lautet wie folgt:
Art. 1
Im Sinne dieses
Übereinkommens gilt als Kulturgut das von jedem
Staat aus religiösen oder weltlichen Gründen
als für Archäologie, Vorgeschichte, Geschichte,
Literatur, Kunst oder Wissenschaft bedeutungsvoll
bezeichnete Gut, das folgenden Kategorien
angehört:
a) seltene Sammlungen und
Exemplare der Zoologie, Botanik, Mineralogie und
Anatomie sowie Gegenstände vom
paläontologischem Interesse;
b) die Geschichte betreffendes Gut,
einschliesslich der Geschichte von Wissenschaft
und Technik, der Militär- und
Gesellschaftsgeschichte sowie des Lebens der
führenden Persönlichkeiten, Denker,
Wissenschaftler und Künstler und der Ereignisse
von nationaler Bedeutung;
c) Ergebnisse archäologischer Ausgrabungen
(sowohl vorschriftsmässiger als auch
unerlaubter) oder archäologischer Entdeckungen;
d) Teile künstlerischer oder geschichtlicher
Denkmäler oder von Ausgrabungsstätten, die
zerstückelt sind;
e) Antiquitäten, die mehr als hundert Jahre alt
sind, wie beispielsweise Inschriften, Münzen und
gravierte Siegel;
f) Gegenstände aus dem Gebiet der Ethnologie;
g) Gut von künstlerischem Interesse wie
g.i. Bilder, Gemälde und Zeichnungen, die
ausschliesslich von Hand auf irgendeinem Träger
und in irgendeinem Material angefertigt sind
(ausgenommen industrielle Entwürfe und
handverzierte Manufakturwaren);
g.ii. Originalarbeiten der Bildhauerkunst und der
Skulptur in irgendeinem Material;
g.iii. Originalgravuren, -drucke und
-lithografien;
g.iv. Originale von künstlerischen
Zusammenstellungen und Montagen in irgendeinem
Material;
h) seltene Manuskripte und Inkunabeln, alte
Bücher, Dokumente und Publikationen von
besonderem Interesse (historisch, künstlerisch,
wissenschaftlich, literarisch usw.), einzeln oder
in Sammlungen;
i) Briefmarken, Steuermarken und ähnliches,
einzeln oder in Sammlungen;
j) Archive einschliesslich Phono-, Foto- und
Filmarchive;
k) Möbelstücke, die mehr als hundert Jahre alt
sind, und alte Musikinstrumente.

Es erübrigt sich zu sagen, dass zu
dieser Definition auch etwa Waffen,
Architekturteile, Regale, Silbermünzen,
Seidenstoffe, Brokatstoffe bis hin zu
Fensterrahmen und Dachziegeln zählen. Die
Plünderer in Peking suchten jedoch nach
Wertsachen generell. Daher raubten sie auch
Gegenstände, die zwar von Geld- und
Gebrauchswert waren, jedoch streng genommen nicht
unter die genannte Definition von Kulturgut
fallen. Sofern es sich dabei nicht um
Lebensmittel und Tiere handelt, die im
vorliegenden Text nur in Ausnahmefällen erwähnt
werden, berücksichtigen wir diese Dinge dennoch.
Gemeint sind etwa Pelzmäntel, Kochtöpfe, Gold-
und Silberbarren und insbesondere Geschenke aus
dem Ausland, wie beispielsweise mechanische
Uhren, die keine Erzeugnisse der chinesischen
Kultur waren, aber bei den Plünderern dennoch
sehr gefragt waren. Zwar gilt die Aufmerksamkeit
im Besonderen kostbaren und kulturell
bedeutungsvollen Gegenständen, die man als Objekte
der chinesischen Kunst bezeichnen könnte,
doch es interessiert uns an den Plünderungen in
Peking 1900/01 eine weitaus größere Palette von
Gegenständen - von Haarnadeln bis hin zu
Lederstiefeln. Tiere und Lebensmittel werden in
unserem Zusammenhang nicht berücksichtigt, mit
Ausnahme der kaiserlichen Zuchthunde, die aus der
Verbotenen Stadt geraubt wurden (siehe unter
IV.1.).
Der oben definierte Begriff von
Kulturgut geht weit über verschiedene Begriffe
von chinesischer Kunst hinaus. Das Sammeln
von Altertümern, von Schriftdokumenten,
Malereien und anderer Kunstobjekte hat in China
eine lange Tradition. Das chinesische Wort für
Kulturgut, wenwu, impliziert einer
Interpretation Schwedes zufolge zwei Arten von
Gegenständen: einmal Schriftdokumente und Dinge,
die mit Aufschriften versehen sind und zum
anderen Gegenstände ohne Aufschriften. Eine
knappe Übersicht über chinesische
Sammlungsgeschichte, in welcher die sich in
verschieden Zeiten unterscheidende Wertschätzung
verschiedener Gattungen von Gegenständen
dargestellt wird, findet sich in Schwedes
2005:15-20.Der Vollständigkeit halber
sei darauf hingewiesen, dass es in der
chinesischen Sprache eine Vielzahl von Wörtern
gibt, mit denen Kulturgüter, Antiquitäten und
Altertümer bezeichnet werden. Guwan und gudong
beispielsweise bezeichnen in der Regel
Antiquitäten, während in dem Wort zhenbao bereits
die Kostbarkeit des betreffenden Gegenstands zum
Ausdruck kommt. Das Wort guobao bedeutet
hingegen Nationalschatz und impliziert,
dass es sich bei dem betreffenden Objekt um ein
kulturelles Erbe einer Nation handelt, das
dementsprechend ein nationales Eigentum ist.
Nichts desto trotz geht der oben definierte
Begriff von Kulturgut, der bei der Untersuchung
der Plünderungen in Peking 1900/01 zugrunde
gelegt wird, über diejenigen Definitionen und
Klassifizierungen von Gegenständen hinaus, die
sich im engeren Sinne auf chinesische
Kunstobjekte beziehen.
In den Bestimmungen zur
Implementierung des Gesetzes zum Schutz von
Kulturgütern der VR China [13] wird der
Kulturgüterbegriff sehr weit gefasst, da hier
auch etwa Gräber, Tempelgrotten und dergleichen
Dinge hinzugezählt werden. Eine Besonderheit
dieses Bestimmungswerkes jedoch ist, dass
hinsichtlich von Antiquitäten zwischen
hochwertigen und normalen Kulturgütern
unterschieden wird, wobei die Hochwertigen
wiederum in drei Ränge aufgeteilt werden. Dies
ist insbesondere sinnvoll, um das gegenwärtige
Problem von illegaler Kulturgüterausfuhr aus der
VR China zu bekämpfen. Hinsichtlich der in
Peking 1900/01 geplünderten Gegenstände kann
mit Sicherheit gesagt werden, dass einige von
ihnen, die sich heute in Galerien,
Privatsammlungen oder in Museumsbeständen in
Europa und in den USA befinden, nach heutiger
Gesetzeslage unter keinen Umständen mehr
chinesischen Boden verlassen könnten, wenn dies
nicht bereits im Zeitalter des Imperialismus
geschehen wäre.

Begriffsdefinitionen
erfolgen am Ende dieses Kapitels.
An dieser Stelle soll Raum für
zwei Bemerkungen sein: Zum einen wäre es ebenso
sinnvoll und möglich gewesen, die Plünderungen
von Kulturgütern während der Feldzüge in ganz
Nordchina 1900/01 zu behandeln, d.h. inklusive
der Plünderungen in der Provinz Zhili; heute
Hebei, und in der Stadt Tianjin. Man könnte
darüber hinaus auch die russische Besetzung der
Mandschurei infolge der Friedensverhandlungen
1901 mit einbeziehen und auf diese Weise die
russische Okkupation des Kaiserpalastes in
Shenyang berücksichtigen. Für eine
Beschränkung auf das Stadtgebiet Pekings spricht
jedoch nicht nur die Tatsache, dass in der
Hauptstadt die bedeutendsten Tempel und Paläste
der chinesischen Monarchie lagen. Sondern auch
der gewaltige Umfang, den die Plünderungen und
der Handel in Peking 1900/01 erreichten, macht
eine Eingrenzung auf die Hauptstadt sinnvoll.
Eine Ausweitung der Untersuchungen auf den
gesamten China-Feldzug würde den Rahmen dieser
Abschlussarbeit bei weitem sprengen.
Zum zweiten mag es fragwürdig
erscheinen, warum in Kapitel III. Terror gegen
die Einwohner Pekings. die Gewalt gegen die
chinesische Bevölkerung besprochen wird. Was hat
Gewalt gegen die Bevölkerung mit dem Diebstahl
von Kulturgütern zu tun? Dazu sollte
berücksichtigt werden, dass die Plünderungen
von Kulturgütern letztlich nur dadurch erfolgen
konnten, dass die Menschen, welche diese
Kulturgüter besaßen oder bewachten, entweder
verschwanden, flüchteten, wehrlos zusahen oder
aber verletzt oder getötet wurden bzw. mit
Gewaltandrohung zur Herausgabe von Wertsachen
gezwungen wurden. Der Terror, den die Menschen in
Peking nach dem Einmarsch der ausländischen
Truppen erleiden mussten, hängt direkt mit den
Plünderungen von Gegenständen zusammen, nicht
zuletzt deshalb, weil der Verlust materieller
Güter ebenfalls eine Form von Leid darstellt.
Darüber hinaus wird in Kapitel III deutlich,
welche Zustände in Peking 1900/01 herrschten,
welche Anblicke, welchen Gestank von Verwesung
und andere Unannehmlichkeiten die Menschen
ertragen mussten. Auf diese Weise werden die
Umstände der Plünderungen von Kulturgütern in
Peking 1900/01 deutlicher nachvollziehbar.
http://www.mcprc.gov.cn/zcfg/xzfg/t20050621_2127.htm
(eingesehen am 3.11.2007)

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