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Die Plünderung von Kulturgütern in Peking 1900/1900

Einleitung:

Es ist gemeinhin eine Selbstverständlichkeit, dass jeder, der sich über chinesische Kunst[1]informieren möchte, etwa in Köln, Paris, London oder in New York in den dortigen Museen umfassende Sammlungen finden kann, die nahezu sämtliche Bereiche der chinesischen Kunstgeschichte veranschaulichen. Nicht etwa, dass dies in Shanghai, Peking oder in Taipeh unmöglich wäre, und gewiss ist die herausragende Bedeutung der chinesischen und taiwanesischen Sammlungen nicht zu bestreiten, doch der enorme Umfang von antiken chinesischen Kunstobjekten, die im Laufe der "gemeinsamen historischen Erfahrung imperialer Herrschaft" (Said 1994:26) der Kulturen des Westens und Asiens nach Europa und in die USA gelangt sind, dürfte nur für die wenigsten überschaubar sein. Wer sollte denn Einblick haben in die Bestände unzähliger Museen, Privatsammlungen, Galerien, Kunsthändler und Auktionshäuser des Westens, in denen die Kunst Chinas lagert, begutachtet wird und zirkuliert? Besonders Objekte aus ehemaligem kaiserlichen Besitz erzielen auf internationalen Auktionen Rekordpreise und werden in einigen Fällen von chinesischen Unternehmen oder privaten Sammlern zurückgekauft. Im Jahr 2001 erreichten auf Auktionen von Sotheby`s und Christie`s in Hongkong vier Objekte, die im 19.Jh aus dem Sommerpalast entwendet worden waren, einen Rekordpreis von 6 Millionen US-Dollar. Die Käufer waren chinesische Unternehmen, welche die Rückkehr dieser nationalen Schätze sicherstellen wollten. (Hevia 2003:331).
Um ein weiteres Beispiel zu nennen, seien die Auktionen The Imperial Sale von Christie`s in den Jahren 1996 und 1997 genannt, auf denen sowohl Objekte gehandelt wurden, die aus dem Sommerpalast stammen, als auch solche, die im Peking des Jahres 1900 geplündert wurden und bereits 1915 in London gehandelt wurden.
[2] Ein aktuelles Beispiel ist eine Auktion mit dem viel sagenden Namen Yuan Ming Yuan - The Garden of Absolute Clarity and Imperial Peking, The Last Days, die von Sotheby`s im Oktober 2007 in Hongkong durchgeführt wurde. Hier wurden Kriegstrophäen aus dem Sommerpalast verkauft, bei denen es sich genauso wie bei den anderen genannten Auktionsgegenständen um gestohlene Kulturgüter handelt. Diese Tatsache wird in den Auktionskatalogen nicht etwa verheimlicht, sondern sie wird sogar besonders hervorgehoben, da sich diese Provenienz wertsteigernd auf die Objekte auswirkt.

Die hohe Qualität chinesischer antiker Kunstschätze, die sich in westlichen Sammlungen befinden, ließe sich durch zahlreiche Beispiele illustrieren. Zu den weltweit bedeutendsten Sammlungen chinesischen Porzellans und Keramik zählt beispielsweise die Percival David Collection, welche in den Besitz der University of England übertragen wurde. Percival David baute seine Sammlung, die auch kleine kaiserliche Sammlung bezeichnet wird, seit Beginn der 1920er Jahre auf, zu einer Zeit, als das noch möglich war, als die entsprechenden Gegenstände noch im Umlauf waren und zu verhältnismäßig erschwinglichen Preisen zu erwerben waren. Auch die Sammlung von Percival David verdankt ihr Entstehen der Tatsache, dass chinesische Antiquitäten in den ersten drei Jahrzehnten des 20.Jhdts in großen Mengen auf die internationalen Kunstmärkte kamen. Gewiss stammte nur ein geringer Teil der damals gehandelten chinesischen Kulturgüter aus den Plünderungen in Nordchina 1900/01, doch gerade der internationale Chinafeldzug in diesen beiden Jahren, welcher die Besetzung und Plünderung sämtlicher wichtiger Gebäude, Tempel- und Palastanlagen in der chinesischen Hauptstadt zur Folge hatte, könnte sich auf den internationalen Kunstmärkten katalysierend ausgewirkt haben.

Im ersten Jahrzehnt des 20.Jhdts ist eine Art Gründerzeit auf dem Bereich der Sammlung und Erforschung chinesischer Kunst im Westen anzusiedeln. Eine der frühesten Versteigerungen chinesischer Antiquitäten in Europa fand 1901 bei Heberle in Köln statt, sofern man die Auktionen der europäischen Handelsgesellschaften seit dem 17.Jh außer Acht lässt. Auf Ausstellungen in Leipzig 1902 und in Berlin 1903 wurde erstmals ausschließlich antike chinesische Kunst einem breiteren Publikum präsentiert. Das Ehepaar Fischer bekundete bereits 1903 die Notwendigkeit der Gründung eines Museums, in dem ausschließlich ostasiatische Kunst ausgestellt wird. Die Fischers hatten Großteile ihrer Sammlung bereits dem Berliner Museum für Völkerkunde übergeben, als sie 1905 zu einer dritten Reise nach Ostasien aufbrachen, auf der sie bis 1908 in ganz China "große Kunst der großen Epochen" (Kopplin in Goepper (Hg.) 1977:40) zusammentrugen. 1905 erschien erstmals die Zeitschrift Museumskunde, in welcher sogleich die Forderung laut wurde, dass die chinesische Kunst in eigenen Abteilungen der Museen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Das Jahr 1906 wird schließlich als das Gründungsjahr einer eigenständigen Abteilung für Ostasiatische Kunst der Berliner Museen gefeiert, wobei diese Abteilung erst 1921 in einem eigenen Gebäude untergebracht wurde. Das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln wurde 1913 eröffnet, zu einem Zeitpunkt, an dem "der ferne Osten (bereits) seinen Platz im deutschen Antiquitätenhandel nach 1900 erworben hat". (Kopplin in Goepper (Hg.) 1977:43). In den darauf folgenden Jahren ereigneten sich die bedeutendsten Ausstellungen auf diesem Gebiet vor Beginn des zweiten Weltkrieges: die Ausstellung Chinesische Kunst in Berlin 1928/29 und die internationale Ausstellung chinesischer Kunst in London 1935. Beide Ausstellungen stellten sowohl hinsichtlich ihrer Besucherzahlen als auch auf die Anzahl der Objekte und Leihgeber bezogen Rekorde auf. In beiden Fällen wurde die chinesische Kulturgeschichte in vormals nicht gekannter Weise umfassend mit hochwertigen Exponaten repräsentiert. (Goepper (Hg.) 1977). Es ist sicherlich problematisch, einen direkten Zusammenhang zwischen dem Beginn eines Booms auf dem Gebiet der chinesischen Kunst zwischen 1900 und 1910 und den Plünderungen chinesischer Kulturgüter in Peking und Nordchina 1900/01 zu belegen - es wäre jedoch fragwürdig, wollte man einen solchen Zusammenhang leugnen.

Auf dem Gebiet der Kunstwissenschaften scheint das Vorhandensein der zahlreichen, einzigartigen Artefakte der materiellen Kultur Chinas in Europa und in den USA nicht allzu große Verwunderung hervorzurufen. Die Trennung von Kunst und Politik bzw. von Kulturgütern und Zeitgeschichte ist ein verstecktes, wenn auch häufig vorkommendes Phänomen im Kulturbetrieb. Fremde Kulturen und ihre Kunst werden zwar exponiert, doch bleiben bestehende Zusammenhänge zu bedeutenden und oft grausamen Ereignissen der Geschichte leider viel zu oft unerwähnt, so dass ein Bild vermittelt wird, welches ungetrübt dem Genuss des Schönen dient. In einer seiner Definitionen von Kultur betont Said diese Erhabenheit, welche mit einer bestimmten Idee von Kultur verbunden ist:

"Das Problem mit dieser Idee von Kultur ist nun, dass sie die Verehrung der eigenen Kultur nach sich zieht, aber gleichzeitig die Vorstellung fördert, sie sei von der Alltagswelt strikt geschieden. Die meisten professionellen Humanisten sind daher unfähig, eine Verbindung zwischen der Grausamkeit solcher Praktiken wie Sklaverei, Kolonialismus, rassischer Unterdrückung, imperialer Unterwerfung einerseits und der Dichtung, Literatur und Philosophie der Gesellschaft, die sich auf diese Praktiken einlässt, andererseits herzustellen." (Said 1994:16).

Die hier angesprochene Verbindung wird im Kulturbetrieb des Westens überwiegend nicht hergestellt, wenn es um die ostasiatische Kunst- und Kulturgeschichte geht. In Ausstellungen und Publikationen auf diesem Gebiet bleibt der Zusammenhang zu den grausamen Umständen des Erwerbs der entsprechenden Objekte in nahezu allen Fällen unerwähnt. Wenn einzelne Gebiete der ostasiatischen Kunstgeschichte, wie beispielsweise frühe buddhistische Figurendarstellungen der Seidenstrasse, in europäischen Museen ausgestellt werden, so muss die zugehörige Frage lauten: Woher haben unsere Museen diese Objekte? Gewiss mögen Forscher und Wissenschaftler des 19.Jhdts kein Unrecht darin gesehen haben, auf Expeditionsreisen Ausgrabungen durchzuführen oder Wandmalereien abzuschlagen. Auch in den westlichen Eisenbahngesellschaften wurde zu Beginn des 20.Jhdts nichts Anstößiges darin gesehen, chinesische Hügelgräber zu öffnen, die auf den Routen der Eisenbahnen lagen, und deren Inhalt dem Kunsthandel zuzuführen. Nein, man setzte den Anspruch auf Eisenbahnbau notfalls mit Waffengewalt durch. Dementsprechend sahen sich die Plünderer in Peking 1900/01 ebenfalls nicht im Unrecht, wenn sie sich Souvenirs mitnahmen oder geplünderte Gegenstände erwarben. Auf diese Umstände werden wir in Kapitel VII. Die Logik des Ganzen. zu sprechen kommen. Doch aus heutiger Sicht ist die Frage nach der Legitimität von staatlichem Kulturbesitz, der aus unrechtmäßigen Erwerbungen stammt, prinzipiell berechtigt.

Die Geschichte des Imperialismus wird in neueren Forschungstendenzen nicht mehr in vermeintlich klar voneinander abgegrenzten Kategorien wie "der Westen" und der "der Orient" oder "die Weißen", "die zivilisierte Welt", "die Barbaren" und dergleichen beschrieben. Eine derartige Sichtweise, in welcher Identitäten in statischen Begriffen gefasst wurden, bildete "in der ganzen Ära des Imperialismus das Kernstück kulturellen Denkens." (Said 1994:30). Schon längst sind derartige Ansichten, in denen zwei Seiten schemenhaft gegenüberstellt werden, durch neuere wissenschaftliche Arbeiten ins Wanken geraten. In den Chinawissenschaften wurde innerhalb der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte versucht, die Geschichte des 19.Jhdts nicht mehr aus eurozentrischer Perspektive zu erforschen, sondern die Vielschichtigkeit und die Komplexität der Verflechtung internationaler Mächte zu berücksichtigen. Die vermeintlich klaren Trennlinien zwischen Aggressoren und Opfern imperialen Machtstrebens werden immer mehr hinterfragt und widerlegt. Der Beschäftigung mit den Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01 im Kontext des Imperialismus muss zwangsläufig eine theoretische Position bzw. eine Interpretation der Geschichte zurunde liegen. Die in der chinabezogenen Geschichtsforschung üblichen theoretischen Ansätze beschäftigen sich mit Art und Umfang der Auswirkungen des westlichen Imperialismus auf die chinesische Entwicklung. Auf einer pauschalen Ebene von großen sozialwissenschaftlichen und politischen Theorien wurden dabei unterschiedliche Erklärungsansätze entwickelt. Hierbei geht es jeweils um Interpretationsansätze für die gesamte Geschichte des westlichen Imperialismus auf China bezogen.[3] War der (westliche) Imperialismus die Hauptursache für die Transformation der chinesischen Gesellschaft von einer feudalen in eine halbfeudale und von einer unabhängigen in eine halbkoloniale Gesellschaft? Oder werden die Auswirkungen des Imperialismus, der sich schließlich nur in begrenzten Territorien manifestierte, auf die Entwicklung des gewaltigen chinesischen Reiches überschätzt? Demgegenüber betont eine weitere Interpretation die Modernisierungskraft des Imperialismus. Durch die Demonstration von technologischer, ökonomischer und militärischer Fortschrittlichkeit wurde letztlich dazu beigetragen, dass das chinesische Reich Modernisierungsimpulse wahrnehmen konnte. Doch gerade durch die Einbindung Chinas in das kapitalistische Weltsystem (Dependenzargument) sei eine autarke Modernisierung Chinas verhindert worden. Insbesondere in kulturgeschichtlichen Forschungsansätzen wird die kulturelle Herausforderung der Konfrontation des Westens mit China betont, wobei ökonomische Aspekte vernachlässigt werden.

Bei der Untersuchung der Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01 werden diese zwar in den Kontext des Imperialismus gestellt, aber sie werden nicht in eine übergreifende Theorie eingebettet, die den Imperialismus im Ganzen und Allgemeinen interpretieren würde. Die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des Kontaktes zwischen verschiedenen Kulturen unter den Vorzeichen des Imperialismus erfordert eine genauere Betrachtung von räumlich, zeitlich und sachlich eingegrenzten, historischen Situationen. Insbesondere die Plünderungen in Peking sind von Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit geprägt. Die Frage beispielsweise, welche Nationalstaaten von der Eroberung Pekings in welchem Umfang profitiert haben, zielt an der Bandbreite des Phänomens vorbei. Die Akteure, Profiteuere und Verlierer von den Ereignissen in Peking 1900/01 gehen über die Kategorien hinaus, welche mit nationalen Zugehörigkeiten beschrieben werden können. Dementsprechend werden in neueren Arbeiten der chinabezogenen Geschichts- und Imperialismusforschung nicht mehr Nationalstaaten als wesentliche Akteure beschrieben, sondern es werden andere soziale Formen betont, etwa kulturellen Hybride, Mittler, Einzelpersonen oder Kollektive, welche sich neue Identitäten in den Zwischenräumen der kulturellen Konfrontation suchten. Auch die Plünderungen in Peking 1900/01 wurden von einer kaum überschaubaren Vielzahl und Vielschichtigkeit an Akteuren ausgeübt. Es waren indische Sikhs, die für die britische Armee kämpften und es gab sogar chinesische Soldaten, welche von den Briten in Weihaiwei rekrutiert worden waren und daher ihre eigenen Landsleute bekämpften. Es gab chinesische Plünderer sowie Händler und profitierende Mittelständler, die sogar aus anderen Großstädten nach Peking reisten, um Kulturgüter zu erwerben - und damit protestierten sie nicht etwa gegen den Kulturgüterraub, sondern sie versuchten, eigenen Profit daraus zu schlagen. Es gab christlich konvertierte Chinesen, die nicht nur ihre Landsleute verrieten, indem sie ausländischen Soldaten den Weg wiesen, sondern die ihre eigenen Landsleute sogar ausraubten und deren Habseligkeiten verkauften. Es gab unter den Invasoren Soldaten der unterschiedlichsten Herkunft: Japaner, Russen, Inder, Vietnamesen (für die französische Armee), Amerikaner, Deutsche usw. Diese heterogene Konstellation in Peking 1900/01 übersteigt übliche Möglichkeiten und Kategorien der Beschreibung historischer Ereignisse. In einigen Forschungsarbeiten wird versucht, ähnlichen Problemen dadurch Abhilfe zu schaffen, indem einzelne Personen oder Gruppen gesondert betrachtet werden. Dabei treten kulturelle Hybride zum Vorschein, die beispielsweise ihre westliche Heimat verlassen hatten und Jahrzehnte lang in China lebten sowie Familien gründeten und dort sesshaft wurden.[4]

Bezüglich der Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01 spielt die Frage nach den kulturellen Identitäten der Beteiligten eine wichtige Rolle: Wenn gefragt wird, wer die Akteure der Plünderungen 1900/01 waren, so muss vergegenwärtigt werden, dass dieses Akteure nicht immer mit der Kategorie nationale Zugehörigkeit angemessen beschrieben werden können. Beispielsweise war es nicht einfach die britische Armee, welche den Himmelstempel besetzt hatte, sondern es waren bengalische Lanzenreiter und Inder, welche dies im Dienst der britischen Armee taten. Weitaus komplexer verhält es sich zum einen mit Chinesen, die zum Christentum konvertiert waren und zum anderen mit Deserteuren, die sich zum Teil mit Chinesen zusammenschlossen, um gemeinsam in den Dörfern und Städten rund um Peking zu plündern. Berücksichtigt man darüber hinaus den Umstand, dass die han-chinesische Bevölkerungsmehrheit Chinas unter einer mandschurischen Fremdherrschaft ins Desaster geraten war, so ergibt sich ein noch komplexeres Bild unterschiedlicher Identitäten, die sich zum Teil voneinander abgrenzen und sich zum Teil miteinander verbinden. Wir werden auf die Frage nach den kulturellen Identitäten der Akteure zurückkommen - zunächst ist es jedoch wichtig, dass man Gewinner und Verlierer des Einmarsches und der Plünderungen in Peking 1900/01 nicht immer klar voneinander abgrenzen und bestimmen kann. Es waren nicht einfach die Chinesen, die alles verloren haben, genauso wenig, wie die Ausländer immer nur gewonnen haben. Es gab auf beiden Seiten sowohl Verluste als auch Profite. Eine derart durchmischte Situation wie in Peking 1900/01 drückt sich treffend in den folgenden Worten von Bickers und Henriot aus: "A multiplicity of actors operating under the shadow of anyone state." (Bickers und Henriot (Hg.) 2000:4). Oder, um es mit Edward Said zu sagen: "Alle Kulturen (.) sind ineinander verstrickt; keine ist vereinzelt und rein, alle sind hybrid, heterogen, hochdifferenziert und nichtmonolithisch." (Said 1994:30).

Die Gewaltanwendungen und Grausamkeiten, die gegenüber Chinesen verübt wurden, sollen durch die Betonung der Vielschichtigkeit der Akteure jedoch nicht verharmlost werden. Letztlich sind Kategorisierungen der Akteure bei der Beschreibung historischer Vorgänge nicht nur hilfreiche, sondern auch notwendige Werkzeuge. Durch die Betonung der Heterogenität soll zwar ein erweiterter Blickwinkel auf die Ereignisse in Peking 1900/01 ermöglicht werden. Doch in dieser Magisterarbeit soll nicht auf praktische Werkzeuge verzichtet werden. Daher werden auch vereinfachende Kategorien zur Beschreibung von Ereignissen verwendet, wie etwa "die Chinesen" oder "die Ausländer".

Die Zerstörungen, Brandlegungen, Plünderungen und Massaker in der chinesischen Hauptstadt, die ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß erreichten, wurden von Mitgliedern und Zugehörigen der acht alliierten Mächte unmittelbar nach der Eroberung Pekings begonnen, sofern sie nicht schon mit dem Eindringen der Soldaten einhergingen. Mit wenigen Worten beschrieb Paula von Rosthorn diese Ereignisse in ihrem Tagebuch: "Erbarmungslos wurde alles niedergemacht, Männer, Frauen und Kinder, alles Wertvolle geraubt und dann die Häuser in Brand gesteckt." (Pechmann (Hg.) 2001:88). Die brutalen Aktionen, die in den folgenden Kapiteln beschrieben werden, hatten die unmittelbare und wirkungsvolle Demütigung des chinesischen Volkes, seiner Aristokratie, seiner Tradition und Kultur zum Ziele. Es war erklärte Absicht der alliierten Mächte, der chinesischen Monarchie bzw. der chinesischen Bevölkerung als solche eine möglichst nachhaltige Straflektion zu erteilen, ohne jedoch zu bewirken, dass das chinesische Reich völlig in sich zusammenbräche. (Hevia 2003:196). Das vorgegebene militärische Ziel, namentlich die Befreiung der in Peking festsitzenden Gesandten und jeweiligen Landsleute, sowie Missionare und deren Anhänger, wurde weitaus schneller erreicht als erwartet. Vom Aufbruch der Truppen aus sechs Nationen am 4.8.1900 in Tianjin bis zur Endsatzung der Belagerten am 14.8.1900 in Peking inklusive der Befreiung der Christen in der Nordkathedrale [5]am 16.8.1900 vergingen gerade einmal 12 Tage. In dieser Zeit legten rund 18 500 Soldaten der Armeen von Japan, Russland, Großbritannien, den Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich, Italien und Österreich eine Strecke von 137 Kilometern von Tianjin nach Peking auf drei Marschrouten verteilt zurück. (Wang 2003:349). Dass die Befreiung der in Peking belagerten Ausländer für die Invasoren nur ein Vorwand war, zeigt, was im Anschluss an den Truppeneinmarsch passiert ist. Es kam nicht nur zur Besetzung, Plünderung und teilweisen Zerstörung sämtlicher bedeutungsvoller Gebäude und Anwesen der Qing-Administration, wie etwa Paläste, Ministerien, Lagerhäuser, Bibliotheken, Tempel, rituelle Anlagen, Anwesen von Prinzen und Beamten, sondern auch zur Plünderung von Privathaushalten auf dem gesamten Stadtgebiet. [6] Bis zum Ende der Besatzungszeit im August 1901 nahmen die Verluste von Kulturgütern bzw. von Wertsachen auf dem gesamten Pekinger Stadtgebiet unbeschreibliche Ausmaße an. Der amerikanische Marshall Bertram L. Simpson schrieb: "What immense quantities of things have been taken! Every place of importance, indeed, has been picked as clean as a bone." (Weale 1906:287). Darüber hinaus kam es jedoch auch zu verheerenden Ausschreitungen der Pekinger Stadtbevölkerung gegenüber. Zum einen waren vermeintliche Mitglieder der Yihetuan für die ausländischen Soldaten in keiner Weise von der unschuldigen Stadtbevölkerung zu unterscheiden, weshalb viele aufgrund von willkürlichen Entscheidungen als Yihetuan klassifiziert wurden. Und zum anderen wurde genauso wie in Tianjin und in den Städten und Dörfern auf der Marschroute in Richtung Peking Teile der unschuldigen Bevölkerung inklusive Alten, Frauen, Kindern und Kranken schlichtweg massakriert. Das in Brand legen von Wohnvierteln und das anschließende Erschießen der aus den Flammen Flüchtenden war genauso an der Tagesordnung wie Vergewaltigungen sowie Tötungen auf unterschiedliche Weisen. Die Pekinger Oberschicht, d.h. Angehörige des Kaiserhofs, Prinzen, Beamte, Aristokraten, die gebildete Gentry, ereilte ein ebenso bedauernswertes Schicksal.[7] Angehörige dieser Schicht waren vorderste Adressaten der Demütigungen. Ein großer Teil der Aristokratie konnte zwar dem fliehenden Kaiserhof folgen, welcher in letzter Minute in den frühen Morgenstunden des 15.8.1900 die Kaiserstadt in Richtung Norden verließ, während alliierte Truppen bereits von Osten her das Donghua-Tor der Kaiserstadt angriffen.[8] Die zurückgebliebenen Angehörigen der Oberschicht jedoch begingen in der Mehrheit Selbstmord, um nicht den Fremden in die Hände zu fallen. Wem dies doch passierte, der wurde bis auf das Äußerste gepeinigt und gedemütigt, wozu unter anderem die Vergewaltigung der weiblichen Familienangehörigen zählen konnte. (Wang 2003:349; Tian (Hg.) 2001:275; Weale 1906:293).

Die Demütigung der chinesischen Monarchie fand einen vorläufigen symbolischen Höhepunkt im so genannten Triumphmarsch durch die Verbotene Stadt am 28.8.1900. Hier parierten Invasoren unter acht verschiedenen Flaggen auf kaiserlichem Boden, entweihten somit das Heiligste aller chinesischen Heiligtümer und entzauberten die symbolische Bedeutung des Sohn des Himmels, der in der traditionellen chinesischen Weltordnung einen universellen Herrschaftsanspruch erhob. Dass den Eindringlingen die symbolische Bedeutung ihres Vorgehens durchaus bewusst war, beweisen zum einen kontroverse Diskussionen über die Notwendigkeit und das Ausmaß der Entweihung der Verbotenen Stadt. Zum anderen sprechen aber auch zahlreiche Fotographien dafür, auf denen sich die ersten Weißen (first white men) in der Verbotenen Stadt ablichten ließen, die diese Palais und Räumlichkeiten inklusive der kaiserlichen Privatgemächer jemals betraten. (Hevia 2003:195-204). Der Symbolgehalt könnte kaum größer sein, da die Verbotene Stadt das Zentrum des chinesischen Reiches und damit des chinesischen Universums symbolisierte und völlig zurecht als das "legendärste aller militärischen Operationsziele" (Fleming 1959:229) wahrgenommen wurde.

Bei den Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01 handelte es sich nicht um ein kurzfristiges Ereignis, welches durch Verbote und Regeln schnell unter Kontrolle gebracht werden konnte. Gewiss dienten Verbote und Systematisierungen der Methoden der Aneignung von Kriegstrophäen, welche insbesondere bei der britischen Armee zum Einsatz kamen, der Wiederherstellung von Disziplin und Moral. (Hevia in Leutner 2007:147-152). Doch wir werden in den kommenden Kapiteln sehen, dass auch in streng bewachten Gebäudeanlagen gestohlen wurde und dass sich privat organisierte Gruppen von Plünderern nicht durch Verbote abschrecken ließen, sondern in einigen Fällen sogar Chinesen dazu missbrauchten, für sie Beutegut zu beschaffen. Es blieb in Peking 1900/01 nicht bei kurzfristigem Diebstahl und Zerstörung von Kulturgütern, Wertsachen, Dokumenten und Gebäuden, sondern es entwickelten sich im Laufe der Monate Strukturen, welche das Plündern sowie den Handel mit gestohlenem Gut förderten und festigten. Diese Strukturen gingen soweit, dass sowohl chinesische als auch ausländische Händler nach Peking reisten, um kostbare Kulturgüter zu erwerben, die mit einem Mal in Reichweite für jedermann kamen.

Bevor die Ereignisse in Peking 1900/01 in einen weiter gefassten historischen und theoretischen Kontext eingebettet werden können, ist es zunächst wichtig, diese Ereignisse und insbesondere die Plünderungen im Detail zu verstehen. Die zentrale Fragestellung der vorliegenden schriftlichen Arbeit lautet dementsprechend: Wie fanden die Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01 en détail statt? Um dies zu klären, muss selbstverständlich eine Reihe von untergeordneten Fragen beantwortet werden, die wie folgt lauten: Wann, wo und wie wurde angefangen zu plündern? Wie war es soweit gekommen? Was geschah mit den Einwohnern Pekings? Wie konnten Raub und Diebstahl vor sich gehen? Wer waren die Plünderer? Mussten sie sich verstecken oder konnten sie offensichtlich plündern? Was geschah mit den gestohlenen Kulturgütern? Wurden die Objekte etwa geheim gehalten, versteckt oder unmittelbar ins Ausland abtransportiert? Oder wurde offen darüber gesprochen und öffentlich verkauft? Wie lange dauerten die Plünderungen in der chinesischen Hauptstadt an? Welche Ausmaße erreichte das Plündern? Wie hoch mag der Verlust für China gewesen sein? - All diese Fragen sind Gegenstand dieser Magisterarbeit, deren grundsätzliches Forschungsinteresse darin liegt, die Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01 im Kontext des Imperialismus im Detail kritisch zu durchleuchten und ausführlich darzustellen.[9] Die Einordnung der Plünderungen in Peking in den Kontext des Imperialismus am Ende des 19.Jhdts stellt die zweite Kernaufgabe der vorliegenden schriftlichen Untersuchung dar. In diesem Zusammenhang sei auf das zweite und siebte Kapitel verwiesen, sowie auf Einleitung und Schlussteil des vorliegenden Textes. In letzterem wird auf die Frage nach dem Stellenwert bzw. nach der Bedeutung der Plünderungen in Peking 1900/01 im Kontext des Imperialismus eingegangen. Auch die Zusammenfassung über den Verbleib der in Peking gestohlenen Kulturgüter, die in Kapitel VIII vorgenommen wird, wirft ein weiteres Licht auf die enge Verbindung zwischen imperialistischer Weltpolitik und der Aneignung von Kulturgütern gerade aus denjenigen Weltregionen, die ins Fadenkreuz der Imperialisten geraten waren. Schließlich ist die eingangs erwähnte Selbstverständlichkeit der Zugänglichkeit asiatischer Kulturrelikte in westlichen Museen kein Zufall. Trotz der Konzentration auf Kulturgüter sollte das schwere Schicksal der Pekinger Bevölkerung genügend Berücksichtigung erhalten. Kulturgüter sind letztlich aufs engste mit den Menschen verbunden, die sie hervorgebracht und bewahrt haben. Die Entweihungen, Zerstörungen und der Diebstahl von Kulturgütern in Peking 1900/01 waren Bestandteil der Demütigungen gegenüber der chinesischen Bevölkerung bzw. des chinesischen Reiches als solches. Dies wird in den Kapiteln III und VI erläutert.

Die nach Orten, Palast-, Tempel- und Gebäudeanlagen gegliederte Untersuchung der Plünderungen sowie des ausgiebigen Handels mit Kulturgütern wirft darüber hinaus die Frage auf, wie eine derartige Brutalität zu erklären sei. Warum verhielten sich die Truppen der zivilisierten Nationen derart barbarisch? Wie rechtfertigten sie ihr Vorgehen? Da die heterogen zusammengesetzten Truppen offenbar weder von Unrechtsempfinden noch von Schuldgefühlen gequält wurden, werden die Fragen nach den Motivationen und Intentionen der Truppen gesondert in Kapitel VII. Die Logik des Ganzen. behandelt. Dieses Kapitel stellt einen wichtigen Teil für das Verständnis der Plünderungen in Peking 1900/01 dar. Es werden unterschiedliche Aspekte aus zeitgenössischen Berichten und Kommentaren herausgehoben, um die Geisteshaltungen der Zeit- und Augenzeugen nachvollziehbar zu machen. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Tatsache gelegt, dass diejenigen Soldaten, welche Peking tatsächlich einnahmen, in der Mehrheit Japaner, Inder, Vietnamesen oder Russen waren. Dies führt zu der Frage, ob die Brutalität derjenigen Truppen, welche Peking eroberten, mit dem Verweis auf imperialistische Ideologien und Weltanschauungen erklärt werden kann. Der hier auftretende Widerspruch, dass die erobernden Truppen eben nicht im Wilhelm`schen Sinne nach dem Motto Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht ideologisch aufgeheizt waren, wird in Kapitel VII diskutiert.

Gewiss stehen die Vorgänge in Peking 1900/01 im Kontext der weltpolitischen Veränderungen in der zweiten Hälfte des 19.Jhdts. Die zunehmende Notwendigkeit der Weltmächte, in China Einflusssphären zu sichern, sowie die Bereitschaft, dies auch durch präventive Militäroperationen zu erreichen, prägte die historische Ausgangslage in den letzten Jahrzehnten des 19.Jhdts. Ohne die Betrachtung dieser strukturellen Bedingungen, der vielfachen Bedrohungen, denen das chinesische Reich unmittelbar vor 1900 ausgesetzt waren, können auch die Plünderungen in Peking 1900/01 nicht nachvollzogen werden. Die historischen Bedingungen für den internationalen Kriegseinsatz in China 1900 sowie dessen unmittelbare Gründe werden in Kapitel II in knapper Form dargestellt. Mit der Eskalation, welche sich als Reaktion auf den Aufstand der Yihetuan ergeben hatte, kam die Aufteilung des chinesischen Reiches konkret in den Bereich des Möglichen. Wenn diese Aufteilung von den Weltmächten um 1900 auch vermieden wurde, die Gründe dafür werden ebenfalls in Kapitel II diskutiert, so fand in Peking 1900/01 doch zumindest die Aufteilung von chinesischen Kulturgütern und Reichtümern statt. Die Plünderungen und Besetzungen wichtiger Einrichtungen der Qing-Administration sind just im Kontext des Imperialismus zu sehen und können sogar als eine Art Klimax verstanden werden, bei dem jahrelange Sehnsüchte von beteiligten Kollektiven erfüllt wurden. Eine der symbolisch bedeutendsten Sehnsüchte bezog sich auf die Verbotene Stadt, die aufgrund ihrer Exklusivität Gegenstand von Mystifizierungen und Spekulationen war. Die Intensität der Genugtuung, welche die Generäle, Offiziere und Truppen der Weltmächte empfunden mögen haben, als sie am 28.8.1900 triumphierend durch die Verbotene Stadt marschierten, mit den eigenen Nationalhymnen erklingend und mit den besten und saubersten Kleidern, die sie auftreiben konnten, kann nur mehr erahnt werden. Der Stolz der Beteiligten, auf dem heiligsten Boden des chinesischen Reiches zu triumphieren, muss immens gewesen sein.

Es wurden bis hierher unterschiedliche Themenbereiche miteinander in Verbindung gebracht: Die Tatsche, dass in den Museen und Galerien des Westens sehr viele Kulturgüter aus Ostasien vorhanden sind, wurde in den Zusammenhang mit der Geschichte des Imperialismus gestellt. Im Kontext des Imperialismus wurden die Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01 besonders hervorgehoben. Im Unterschied zur Plünderung des Sommerpalastes 1860 handelte es sich in Peking 1900/01 um Ereignisse, an denen weitaus mehr unterschiedliche Gruppen von Akteuren beteiligt waren. Unter Verweis auf die Frage nach den Identitäten der Akteure in kolonialen und semi-kolonialen Konstellationen wurden auf die Vielschichtigkeit und die heterogene Zusammensetzung der Beteiligten an den Plünderungen in Peking 1900/01 bereits hingewiesen. Darüber hinaus wurden Sinn und Notwendigkeit einer konkreten Eingrenzung des zu untersuchenden Schauplatzes im Verlauf der Geschichte des Imperialismus dargelegt. Peking 1900/01 ist ein solcher Schauplatz, dessen Vielschichtigkeit und Komplexität erst durch die zeitliche und räumliche Begrenzung zum Vorschein kommen kann. In diesem Sinne stellt die Untersuchung der Plünderungen von Kulturgütern eine Momentaufnahme mit Fokus auf Peking 1900/01 innerhalb der Geschichte des Imperialismus bzw. des Kontaktes zwischen dem Westen und China dar.

Das zentrale Forschungsinteresse in den nun folgenden Kapiteln wird die detaillierte Untersuchung der Plünderungen von Kulturgütern, d.h. die Beschreibung von konkreten Ereignissen sein. Auf diese Weise werden nicht nur die konkreten Umstände und das Ausmaß der Plünderungen sowie Strukturen, welche Plünderungen und Handel förderten, deutlich, sondern es wird auch versucht, das Zustandekommen dieser Ereignisse nachzuvollziehen, wofür insbesondere Motivationen und Intentionen der Beteiligten Truppen untersucht werden (Kapitel VII). Peking 1900/01 stellte einen ungeheuerlichen Schauplatz dar, auf dem nicht nur sämtliche Nationen auftraten, die in der Weltpolitik zur damaligen Zeit ein Mitspracherecht einforderten, sondern auch eine Vielzahl von Akteuren, die zwar unter bestimmen Staatsflaggen marschierten, sich jedoch nicht in allen Bereichen ihrer Identität mit diesen Flaggen identifizierten. Es muss daher klar sein, dass das ungeheure Chaos, das zu Beginn der Besatzungszeit in Peking 1900 herrschte, nicht auf den Seiten eines Papierstapels vollständig erklärt werden kann. Dennoch kann ein Papierstapel zum Verständnis dessen beitragen, was Imperialismus zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort bedeutete und bewirken konnte. Die Kulturgüter können in diesem Zusammenhang als Medien verstanden werden, mit deren Zerstörung und Plünderung der fremden Kultur Demütigungen und Verletzungen, Zerstörungen und Missachtungen angetan werden konnten. Die Aufteilung Pekings in Besatzungszonen und die Besetzung von Ministerien, Tempeln und dergleichen symbolisierten nicht nur die bevorstehende bzw. mögliche Aufteilung Chinas. Nein, mit den Plünderungen von Kulturgütern wurden tatsächlich Teile der chinesischen Kultur unter den Weltmächten aufgeteilt.[10] Die Tiefe des Schmerzes über diesen Verlust wird durch nichts deutlicher ausgedrückt, als durch kollektive und einzelne Selbstmorde von Chinesen/innen, welche in den Kapiteln III und VI zur Sprache kommen.

Im Allgemeinen werden etwa Malereien, Keramiken, Textdokumente, Münzen, rituelle Geräte, Altar- und Tempelfiguren, kostbare Stoffe, Gewänder und dergleichen Dinge als Kulturgüter verstanden, wohingegen Lebensmittel und Tiere nicht als Kulturgüter betrachtet werden. In der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Plünderungen von Kulturgütern übernehmen wir die folgende konkrete Definition, welche von der UNESCO erstmals im Jahre 1970 im Übereinkommen über Massnahmen zum Verbot und zur Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut festgelegt wurde.[11]Artikel eins des Dokuments lautet wie folgt:

Art. 1

Im Sinne dieses Übereinkommens gilt als Kulturgut das von jedem Staat aus religiösen oder weltlichen Gründen als für Archäologie, Vorgeschichte, Geschichte, Literatur, Kunst oder Wissenschaft bedeutungsvoll bezeichnete Gut, das folgenden Kategorien angehört:

a) seltene Sammlungen und Exemplare der Zoologie, Botanik, Mineralogie und Anatomie sowie Gegenstände vom paläontologischem Interesse;
b) die Geschichte betreffendes Gut, einschliesslich der Geschichte von Wissenschaft und Technik, der Militär- und Gesellschaftsgeschichte sowie des Lebens der führenden Persönlichkeiten, Denker, Wissenschaftler und Künstler und der Ereignisse von nationaler Bedeutung;
c) Ergebnisse archäologischer Ausgrabungen (sowohl vorschriftsmässiger als auch unerlaubter) oder archäologischer Entdeckungen;
d) Teile künstlerischer oder geschichtlicher Denkmäler oder von Ausgrabungsstätten, die zerstückelt sind;
e) Antiquitäten, die mehr als hundert Jahre alt sind, wie beispielsweise Inschriften, Münzen und gravierte Siegel;
f) Gegenstände aus dem Gebiet der Ethnologie;
g) Gut von künstlerischem Interesse wie
g.i. Bilder, Gemälde und Zeichnungen, die ausschliesslich von Hand auf irgendeinem Träger und in irgendeinem Material angefertigt sind (ausgenommen industrielle Entwürfe und handverzierte Manufakturwaren);
g.ii. Originalarbeiten der Bildhauerkunst und der Skulptur in irgendeinem Material;
g.iii. Originalgravuren, -drucke und -lithografien;
g.iv. Originale von künstlerischen Zusammenstellungen und Montagen in irgendeinem Material;
h) seltene Manuskripte und Inkunabeln, alte Bücher, Dokumente und Publikationen von besonderem Interesse (historisch, künstlerisch, wissenschaftlich, literarisch usw.), einzeln oder in Sammlungen;
i) Briefmarken, Steuermarken und ähnliches, einzeln oder in Sammlungen;
j) Archive einschliesslich Phono-, Foto- und Filmarchive;
k) Möbelstücke, die mehr als hundert Jahre alt sind, und alte Musikinstrumente.

Es erübrigt sich zu sagen, dass zu dieser Definition auch etwa Waffen, Architekturteile, Regale, Silbermünzen, Seidenstoffe, Brokatstoffe bis hin zu Fensterrahmen und Dachziegeln zählen. Die Plünderer in Peking suchten jedoch nach Wertsachen generell. Daher raubten sie auch Gegenstände, die zwar von Geld- und Gebrauchswert waren, jedoch streng genommen nicht unter die genannte Definition von Kulturgut fallen. Sofern es sich dabei nicht um Lebensmittel und Tiere handelt, die im vorliegenden Text nur in Ausnahmefällen erwähnt werden, berücksichtigen wir diese Dinge dennoch. Gemeint sind etwa Pelzmäntel, Kochtöpfe, Gold- und Silberbarren und insbesondere Geschenke aus dem Ausland, wie beispielsweise mechanische Uhren, die keine Erzeugnisse der chinesischen Kultur waren, aber bei den Plünderern dennoch sehr gefragt waren. Zwar gilt die Aufmerksamkeit im Besonderen kostbaren und kulturell bedeutungsvollen Gegenständen, die man als Objekte der chinesischen Kunst bezeichnen könnte, doch es interessiert uns an den Plünderungen in Peking 1900/01 eine weitaus größere Palette von Gegenständen - von Haarnadeln bis hin zu Lederstiefeln. Tiere und Lebensmittel werden in unserem Zusammenhang nicht berücksichtigt, mit Ausnahme der kaiserlichen Zuchthunde, die aus der Verbotenen Stadt geraubt wurden (siehe unter IV.1.).

Der oben definierte Begriff von Kulturgut geht weit über verschiedene Begriffe von chinesischer Kunst hinaus. Das Sammeln von Altertümern, von Schriftdokumenten, Malereien und anderer Kunstobjekte hat in China eine lange Tradition. Das chinesische Wort für Kulturgut, wenwu, impliziert einer Interpretation Schwedes zufolge zwei Arten von Gegenständen: einmal Schriftdokumente und Dinge, die mit Aufschriften versehen sind und zum anderen Gegenstände ohne Aufschriften. Eine knappe Übersicht über chinesische Sammlungsgeschichte, in welcher die sich in verschieden Zeiten unterscheidende Wertschätzung verschiedener Gattungen von Gegenständen dargestellt wird, findet sich in Schwedes 2005:15-20.[12]Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass es in der chinesischen Sprache eine Vielzahl von Wörtern gibt, mit denen Kulturgüter, Antiquitäten und Altertümer bezeichnet werden. Guwan und gudong beispielsweise bezeichnen in der Regel Antiquitäten, während in dem Wort zhenbao bereits die Kostbarkeit des betreffenden Gegenstands zum Ausdruck kommt. Das Wort guobao bedeutet hingegen Nationalschatz und impliziert, dass es sich bei dem betreffenden Objekt um ein kulturelles Erbe einer Nation handelt, das dementsprechend ein nationales Eigentum ist. Nichts desto trotz geht der oben definierte Begriff von Kulturgut, der bei der Untersuchung der Plünderungen in Peking 1900/01 zugrunde gelegt wird, über diejenigen Definitionen und Klassifizierungen von Gegenständen hinaus, die sich im engeren Sinne auf chinesische Kunstobjekte beziehen.

In den Bestimmungen zur Implementierung des Gesetzes zum Schutz von Kulturgütern der VR China [13] wird der Kulturgüterbegriff sehr weit gefasst, da hier auch etwa Gräber, Tempelgrotten und dergleichen Dinge hinzugezählt werden. Eine Besonderheit dieses Bestimmungswerkes jedoch ist, dass hinsichtlich von Antiquitäten zwischen hochwertigen und normalen Kulturgütern unterschieden wird, wobei die Hochwertigen wiederum in drei Ränge aufgeteilt werden. Dies ist insbesondere sinnvoll, um das gegenwärtige Problem von illegaler Kulturgüterausfuhr aus der VR China zu bekämpfen. Hinsichtlich der in Peking 1900/01 geplünderten Gegenstände kann mit Sicherheit gesagt werden, dass einige von ihnen, die sich heute in Galerien, Privatsammlungen oder in Museumsbeständen in Europa und in den USA befinden, nach heutiger Gesetzeslage unter keinen Umständen mehr chinesischen Boden verlassen könnten, wenn dies nicht bereits im Zeitalter des Imperialismus geschehen wäre.


[1] Begriffsdefinitionen erfolgen am Ende dieses Kapitels.

[2] Siehe beide Auktionskataloge Christie`s; The Imperial Sale, Hongkong 1996 und 1997.

[3] Für eine übersichtliche Darstellung der Interpretationsansätze des ausländischen Imperialismus in der chinabezogenen Geschichtsforschung siehe: Leutner (Hg.) 1997:48-51.

[4] Ein interessantes Beispiel für kulturelle Hybride sind uneheliche Kinder von westlichen Vätern und chinesischen Müttern in Grenzregionen und Vertragshafenstädten, deren Zugehörigkeit, ja deren bloße Existenz komplexe Fragen aufwarf und zumindest in Hongkong für die britischen Besatzer zu Kontroversen führte, da derartige Probleme nicht unbegrenzt verheimlicht werden konnten. (Bickers und Henriot (Hg.), 2000:24).

[5] In der chinesischsprachigen Literatur wird für die Nordkathedrale nicht etwa die Bezeichnung Beitang verwendet, sondern Xishenku Jiaotang. (z.B. in Wang 2003:423).

[6] Einzelne chinesische Autoren führen jedoch an, dass bereits die Mitglieder der Yihetuan sowie chinesische Qing-Soldaten in nicht unerheblichem Umfang geplündert, und dabei nicht nur Lebensmittel, sondern auch Wertsachen gestohlen hätten. Der Umfang dieser Plünderungen durch Chinesen ist schwer zu beurteilen und aus den Quellen kaum ersichtlich. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass viele der von Chinesen geraubten Gegenstände zu einem späteren Zeitpunkt durch ausländische Truppen eingesammelt wurden. Simpson beschrieb beispielsweise die Entdeckung und Plünderung eines Boxerlagers durch die ihm unterstehenden Soldaten, in dem Waffen und Wertsachen von flüchtenden Yihetuan zurückgelassen worden waren. Darunter befanden sich bereits zum Abtransport eingepackte Seiden und Pelze, die von den Yihetuan geplündert worden waren. (Weale 1906:230).

[7] Eine begriffliche Definition der Pekinger Ober- und Unterschicht siehe in Kapitel III.

[8] Die Kaiserinwitwe Ci Xi bereitete ihre Inspektionsreise nach Westen bereits am 10.8.1900 für den Ernstfall vor. Trotzdem war der Kaiserhof vom schnellen Vormarsch der alliierten Truppen überrascht und floh im Morgengrauen des 15.8.1900 in Richtung Taiyuan. (Ma 2005:501).

[9] An dieser Stelle soll Raum für zwei Bemerkungen sein: Zum einen wäre es ebenso sinnvoll und möglich gewesen, die Plünderungen von Kulturgütern während der Feldzüge in ganz Nordchina 1900/01 zu behandeln, d.h. inklusive der Plünderungen in der Provinz Zhili; heute Hebei, und in der Stadt Tianjin. Man könnte darüber hinaus auch die russische Besetzung der Mandschurei infolge der Friedensverhandlungen 1901 mit einbeziehen und auf diese Weise die russische Okkupation des Kaiserpalastes in Shenyang berücksichtigen. Für eine Beschränkung auf das Stadtgebiet Pekings spricht jedoch nicht nur die Tatsache, dass in der Hauptstadt die bedeutendsten Tempel und Paläste der chinesischen Monarchie lagen. Sondern auch der gewaltige Umfang, den die Plünderungen und der Handel in Peking 1900/01 erreichten, macht eine Eingrenzung auf die Hauptstadt sinnvoll. Eine Ausweitung der Untersuchungen auf den gesamten China-Feldzug würde den Rahmen dieser Abschlussarbeit bei weitem sprengen.

Zum zweiten mag es fragwürdig erscheinen, warum in Kapitel III. Terror gegen die Einwohner Pekings. die Gewalt gegen die chinesische Bevölkerung besprochen wird. Was hat Gewalt gegen die Bevölkerung mit dem Diebstahl von Kulturgütern zu tun? Dazu sollte berücksichtigt werden, dass die Plünderungen von Kulturgütern letztlich nur dadurch erfolgen konnten, dass die Menschen, welche diese Kulturgüter besaßen oder bewachten, entweder verschwanden, flüchteten, wehrlos zusahen oder aber verletzt oder getötet wurden bzw. mit Gewaltandrohung zur Herausgabe von Wertsachen gezwungen wurden. Der Terror, den die Menschen in Peking nach dem Einmarsch der ausländischen Truppen erleiden mussten, hängt direkt mit den Plünderungen von Gegenständen zusammen, nicht zuletzt deshalb, weil der Verlust materieller Güter ebenfalls eine Form von Leid darstellt. Darüber hinaus wird in Kapitel III deutlich, welche Zustände in Peking 1900/01 herrschten, welche Anblicke, welchen Gestank von Verwesung und andere Unannehmlichkeiten die Menschen ertragen mussten. Auf diese Weise werden die Umstände der Plünderungen von Kulturgütern in Peking 1900/01 deutlicher nachvollziehbar.

[10]Die Plünderung des Sommerpalastes wurde von Chinesen geradezu als Angriff auf die Essenz des chinesischen Reiches empfunden (siehe in Kapitel IV.3). (Zhao 2000:137).

[11]Die VR China ratifizierte das Abkommen am 28.11.1989, die BRD ist bis heute nicht beigetreten, die Umsetzung in deutsches Recht ist jedoch geplant. Das UNESCO-Abkommen ist online als PDF-Dokument einsehbar unter http://www.admin.ch/ch/d/sr/i4/0.444.1.de.pdf (geladen am 15.8.2007).

[12]Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Tatsache, dass bestimmte Objektgattungen von chinesischen Sammlern (bis Anfang des 20.Jhdts) weniger beachtet worden waren, als von westlichen Kunstinteressierten. Buddhistische Votivfiguren stellten beispielweise im feudalen China nie ein eigenständiges Sammelgebiet dar und insbesondere Keramiken, die als Grabbeigaben seit mehr als zweitausend Jahren in Chinas Böden lagerten, wurden nicht explizit wertgeschätzt und gesammelt. Ein deutlicher Wandel in der Wertschätzung der eigenen Kulturgüter setzte in China erst gegen Ende des 19.Jhdts bzw. zu Beginn des 20.Jhdts ein, nachdem unzählige Objekte bereits ins Ausland geraten waren. (Schwedes 2005:15-20).

[13] http://www.mcprc.gov.cn/zcfg/xzfg/t20050621_2127.htm (eingesehen am 3.11.2007)

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