Im
Ausstellungsbereich Ostasien des Lindenmuseums
Stuttgart werden Kultur und Kulturgüter der
Länder Japan, China und Korea vorgestellt sowie
buddhistische Kunst aus Tibet, Nepal, Burma und
Laos. Konzeptionell wurde der Schwerpunkt dieser
Dauerausstellung scheinbar weniger in den
kunsthistorischen Bereich gelegt als auf die
ethnographische Beschäftigung mit den fremden
Kulturen. Dies sieht man zum einen durch die
detailgetreue Nachbildung von Gebäuden oder der
schematischen Darstellung etwa von Brennöfen
oder Grabhöhlen. Diese Gewichtung jedoch, bei
der nicht jedes einzelne Objekt prominent
exponiert wird, sondern die Gegenstände in ihrem
kulturellen Zusammenhang gestellt werden, zeigt
sich gerade im Bereich der Porzellane in der
unbeschrifteten Aufstellung der Waren. In einem
Gesamteindruck des didaktischen Aufbaus der
Dauerausstellung fallen die zahlreichen
Hintergrundinformationen, die auf teilweise
bebilderten Tafeln bereitgestellt werden,
äußerst positiv auf, da dadurch das einzelne
Ausstellungsobjekt in einem größeren,
umfassenderem Zusammenhang betrachtet und
aufgefasst werden kann. Am Beispiel chinesischer,
antiker Ritualbronzen ist dies besonders gut
nachzuvollziehen: hier zeigen Informationstafeln
sämtliche Formen mit den entsprechenden
Bezeichnungen der chinesischen Bronzen aus den
Dynastien Shang (16.-11.Jh.v.Chr.) und Zhou
(11.-8.Jh.v.Chr.).

Der japanische Dorf
Zu Beginn betritt der Besucher einen
Weg aus Steinplatten, der durch ein
nachgebildetes japanisches Dorf führt.
Sorgfältig wurden hier einige einstöckige
Gebäude in traditioneller Japanischer
Holzbauweise angefertigt. Zunächst blickt man
direkt auf ein Teehaus, in welchem ein Teemeister
oder eine Teemeisterin die Teezeremonie mit max.
vier Gästen abhalten könnte. Auch eine
überdachte Bank, auf welcher die Gäste auf die
Teezeremonie warten würden, wurde nachgebaut.
Die Details werden auf Informationstafeln
erläutert. An dem Holzbau ist ein kleiner
Durchschlupf zu erkennen, durch den die Gäste
kriechen müssten, um in den Teeraum (jap. nijiriguchi)
zu gelangen. Dadurch können sie noch einmal
daran erinnert werden, dass es im Teeraum keine
Rangunterschiede (chanoyu) gibt. Im
Teeraum selbst ist eine quadratische Feuerstelle
(re) eingelassen, in der sich ein
gußeisener Wasserkessel (koma) befindet.
Daneben liegen Gerätschaften zur Zubereitung des
Tees (chadôgu). Dazu gehören eine
Teeschale (chawan), ein
Frischwassergefäß (mizuzashi), ein
Gefäß für das Brauchwasser (kensui),
eine Teedose (natsume oder chaire)
und ein Teebesen (chasen), sowie ein
Teelöffel (chashaku) und eine Wasserkelle
(hishaku). Darüber hinaus ist ein kleiner
Nebenraum vorhanden, in dem die Teegeräte
aufbewahrt werden können. Auch werden in dieser
"Küche" (mizuya) kleine
Mahlzeiten (koiseki) zubereitet, die vor
dem Teetrinken gereicht werden.
In einer gegenüberliegenden Vitrine
sind weitere Gegenstände ausgestellt, die für
eine Teezeremonie verwendet werden. Hierzu zählt
u.a. eine Teeschale (jap. temmoku-chawan),
die aus dem Song-zeitlichen China (960-1279)
stammt. Die japanische temmoku-Keramik
(chin. tianmushan-yao) geht auf eben
derartige chinesische Keramik zurück, die auf
Chinesisch jian-yao (bzw. in Umschrift: jian-Ware)
bezeichnet wird. Die betreffende Schale hat eine
dunkle bis schwarze Ölfleckenglasur und steht
auf einem japanischen Untersatz aus Schwarzlack.
In einem weiteren Raum, der
zu den nach gebildeten Holzhäusern zählt, wurde
eine traditionelle japanische Lackwerkstatt
nachempfunden. Hier sind einige Gegenstände und
Werkzeuge ausgestellt, die den
Herstellungsprozess von Lackschalen illustrieren.
Pinsel, Spatel und Schleifsteine sind auf einem
niedrigen Tischchen abgelegt. Diese Werkzeuge
werden zur Grundierung verwendet, was man an
einer halbfertigen Lackschale erkennen kann, die
daneben liegt. Darüber hinaus sind weiter hinten
im Raum auf einem Schrank geschliffene Rohlinge
aus Holz ausgestellt, aus denen man lackierte
Teedosen mit Deckel fertigen könnte.
Diese Lackwerkstatt zeigt einen
natürlichen Lebens- und Arbeitsraum. Die
ausgestellten Objekte werden so in ihrer
alltäglichen Umgebung gezeigt, in der sie
gebraucht und verwendet wurden.
Dies gilt auch für einen Wohnraum,
in dem Einrichtung und Dekorations-Gegenstände
gezeigt werden. Dazu zählen ein Tisch mit
Sitzkissen, Tabletts, eine Lampe, Kommode, ein
Rollbild, Regale, ein Schubladenkästchen mit
Teekanne sowie einige Schalen aus
Blau-Wei?Porzellan. Ein besonderes Highlight in
diesem Raum stellen vier Schiebetüren (fusuma)
im hinteren Raumteil dar, welche mit Papier
bespannt sind. Sie sind mit Tusche und Farben von
Maruyana Okyo (1733-1795) bemalt und werden auf
das Jahr 1780 datiert. Dargestellt sind drei
Männer vor einem chinesischen Brettspiel in
einer Landschaft mit Felsen und Bäumen. Von der
linken Seite nähert sich ein vierter Weiser mit
seinem Diener.
In diesem japanischem Teil der
Ausstellung wird nicht allein japanische Kunst
vermittelt, sondern vielmehr ein Eindruck von
Land und Kultur im Allgemeinen gegeben. Dies wird
von einigen Informationstafeln unterstrichen, die
über die geographische Lage sowie die
klimatischen Besonderheiten Japans und über
seine Geschichte informieren. Eine derartige
Ausstellungsgestaltung spiegelt eine
ethnographisch motivierte Beschäftigung mit
Japan wider, die auch ein kunsthistorisches
Interesse beinhaltet, aber eben nicht
ausschließlich an der Kunst Japans
interessiert ist. Selbstverständlich muss man
dabei in Kauf nehmen, dass man nicht jedes Objekt
aus der Nähe betrachten kann, denn viele
Ausstellungsstücke stehen in den Räumen in
einiger Entfernung zum Betrachter.

Weitere
Ausstellungsteile
Betritt man den folgenden
Ausstellungsraum, in dem u.a. Keramik, Porzellan,
Malerei, Tangkas, Netzukes und Inros gezeigt
werden, so blickt man zunächst frontal auf eine
sitzende Holzfigur des Bodhisattva Ksitigarbha
(jap. Jizo bosatsu); Holz mit Schwarzlack
und Blattgold; Japan, 2.Hälfte Edo-Zeit
(1603-1867). Die Figur steht auf einem ca. 1,50m
hohen Sockel frei ohne Glasschutz. Der
Bodhisattva ist als Mönch gekleidet und hält
einen Wunschjuwel (jap. Hoshu; skr. çintamani)
in seiner linken Handfläche. Am rechten Ärmel
und am linken Fu? sind Restaurationsspuren zu
erkennen. Insbesondere im Kopfbereich, im
Gesicht, in den gesenkten Augen sowie in der Ruhe
der Lippen zeigt sich die unglaubliche
Meisterschaft der damaligen Bildhauer, die diese
beeindruckend schöne Figur schufen.
Die ausgestellten Keramiken und
Porzellane bestehen in der Hauptsache aus
chinesischen Stücken, wobei es einen separaten
Raum für koreanische Kunst gibt. Dort werden
u.a. koreanische Fächer, Tische und
Seladon-Waren gezeigt, auf denen die für Korea
berühmte sangam-Dekortechnik zu erkennen
ist, bei der eine bleihaltige Masse in die
eingeschnittenen Dekorlinien eingelegt bzw.
eingerieben wird.
Im chinesischen Teil informieren
zahlreiche bebilderte Tafeln über die
chinesische Porzellanproduktion. Sie beinhalten
Karten, Fotos von Werkstätten und Öfen in
Jingdezhen, der chinesischen
"Porzellanhauptstadt". Auch wird über
die Geschichte des Exportes von chinesischem
Porzellan nach Japan, Korea, Südostasien und
Europa informiert.
In einer der Wandvitrinen findet
sich eine Besonderheit unter den zahlreichen
Stücken: Ein Porzellanteller mit
unterglasur-blauem Dekor; China, Qing-Dynastie
(1644-1911) mit einer Marke des Kaisers Wanli
(1573-1619). Im Spiegel des Tellers sind vier
Personen in einem Garten dargestellt. Dabei
scheint es sich um drei Unsterbliche mit einem
Diener zu handeln, die ein
Unsterblichkeitselixier trinken. Auf der
Innenseite der Wandung befindet sich viermal das
stilisierte Schriftzeichen shou (übers.: langes
Leben) über einem Wolkenmuster. Der Teller
wurde jedoch nie ganz fertig gestellt. Es fehlt
das Schmelzfarben-Dekor, welches in einem weitern
Brand bei niedriger Temperatur aufgebracht hätte
werden sollen. Da dieser Brand nie stattfand,
fehlen die farbigen Elemente insbesondere bei den
Gewändern der Figuren. Man sieht so lediglich
die Köpfe und kleine Gewandelemente in
Kobalt-Blau unter der Glasur. Die hier nicht ganz
fertig gestellte Technik, bei der zunächst
einzelne Dekor-Elemente in unterglasur-blau
aufgemalt werden, während später weitere
Elemente in Emaille-Farben (häufig rot, rosa,
grün, gelb) auf das bereits gebrannte Stück auf
der Glasur gemalt werden, woraufhin ein weiteres
Mal gebrannt werden muss, nennt man doucai-Technik
bzw. doucai-Dekor (doucai bedeutet:
hinzugefügte Farben).
In der Raummitte sind zahlreiche
Keramiken und Porzellane im Stile einer
Studiosammlung in Vitrinen ausgestellt, wobei all
diese Stücke unbeschriftet bleiben. Es lässt
sich eine grobe zeitliche Anordnung der Objekte
erkennen, oftmals wurden die einzelnen Stücke
jedoch lediglich nach Stil, Form und Farbe
zusammen gruppiert.
Ein ganz besonderes Highlight dieses
großen Ausstellungsraumes ist ein 12-teiliger
Stellschirm aus sog. "Koromandellack";
China, Qing-Dynastie (1644-1911). Dieses Stück
ist einem schmalen Glaskasten aufgehängt, d.h.
der Stellschirm wurde vollständig aufgefaltet
und so aufgehängt, dass man von beiden Seiten
die vollständigen Bildflächen gut erkennen
kann. Diese übergroße Glasvitrine fungiert
gleichzeitig als Raumteiler. Der Stellschirm
wurde ursprünglich von Kandidaten, welche die
Beamtenprüfung bestanden hatten, an den Fürsten
Dou, kaiserlicher Prüfer der Provinz Sichuan, zu
dessen Geburtstag gestiftet. In der
entsprechenden Inschrift wird als Schenkungsdatum
das Jahr 1707 genannt. Bei der Technik der Koromandellacke
wird das Holz zunächst in einem farbig getönten
Kreidegrund eingefasst. Darüber wird eine dicke,
in diesem Fall dunkelbraune Lackschicht in
mehreren Arbeitsgängen aufgetragen.
Anschließend können die Dekormuster erzeugt
werde, indem sie in die Lackschicht
eingeschnitten oder geritzt werden, wobei die
darunter liegende, helle Kreideschicht zum
Vorschein kommt.
In der Ostasienabteilung des
Lindenmuseum werden noch weitere Bereiche der
Ostasiatischen Kunst auf eindrucksvolle Weise
ausgestellt, wie beispielsweise die antiken
Ritualbronzen Chinas. Zusätzlich zu den
Ausstellungsobjekten selbst werden hier wieder
durch umfassende Informationstafeln nützliche
Hintergrundinformationen angeboten. So werden
beispielsweise sämtliche Formen der antiken
Bronzen in einer Tabelle dargestellt. So erhält
der Besucher einen guten Überblick über dieses
weite Gebiet der chinesischen Bronzen. Auch etwa
mit Tangzeitlicher Keramik, die als Grabbeigaben
oder Grabwächter fungierte, verhält es sich
ähnlich. Der Erhaltungszustand manchen dieser
Grabwächterfiguren, die oft als Erdgeister bzw.
Fabel- oder Mischwesen dargestellt wurden,
erstaunt allemal, da diese in Drei-Farben-Glasur
gefasste Tonwaren (chin. sancai) aus dem
8.Jh stammen. Erdgeister (chin. zhenmushou)
sollten entweder böse Einflüsse vom Grab
abhalten oder als Schutzgeister (chin. qitou)
verhindern, dass die Geister der Toten unter den
Lebenden umherirren und Schaden anrichten.

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