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Ostasienabteilung im Linden Museum Stuttgart

Ausstellungsbesuch im Dezember 2006

Im Ausstellungsbereich Ostasien des Lindenmuseums Stuttgart werden Kultur und Kulturgüter der Länder Japan, China und Korea vorgestellt sowie buddhistische Kunst aus Tibet, Nepal, Burma und Laos. Konzeptionell wurde der Schwerpunkt dieser Dauerausstellung scheinbar weniger in den kunsthistorischen Bereich gelegt als auf die ethnographische Beschäftigung mit den fremden Kulturen. Dies sieht man zum einen durch die detailgetreue Nachbildung von Gebäuden oder der schematischen Darstellung etwa von Brennöfen oder Grabhöhlen. Diese Gewichtung jedoch, bei der nicht jedes einzelne Objekt prominent exponiert wird, sondern die Gegenstände in ihrem kulturellen Zusammenhang gestellt werden, zeigt sich gerade im Bereich der Porzellane in der unbeschrifteten Aufstellung der Waren. In einem Gesamteindruck des didaktischen Aufbaus der Dauerausstellung fallen die zahlreichen Hintergrundinformationen, die auf teilweise bebilderten Tafeln bereitgestellt werden, äußerst positiv auf, da dadurch das einzelne Ausstellungsobjekt in einem größeren, umfassenderem Zusammenhang betrachtet und aufgefasst werden kann. Am Beispiel chinesischer, antiker Ritualbronzen ist dies besonders gut nachzuvollziehen: hier zeigen Informationstafeln sämtliche Formen mit den entsprechenden Bezeichnungen der chinesischen Bronzen aus den Dynastien Shang (16.-11.Jh.v.Chr.) und Zhou (11.-8.Jh.v.Chr.).

Der japanische Dorf

Zu Beginn betritt der Besucher einen Weg aus Steinplatten, der durch ein nachgebildetes japanisches Dorf führt. Sorgfältig wurden hier einige einstöckige Gebäude in traditioneller Japanischer Holzbauweise angefertigt. Zunächst blickt man direkt auf ein Teehaus, in welchem ein Teemeister oder eine Teemeisterin die Teezeremonie mit max. vier Gästen abhalten könnte. Auch eine überdachte Bank, auf welcher die Gäste auf die Teezeremonie warten würden, wurde nachgebaut. Die Details werden auf Informationstafeln erläutert. An dem Holzbau ist ein kleiner Durchschlupf zu erkennen, durch den die Gäste kriechen müssten, um in den Teeraum (jap. nijiriguchi) zu gelangen. Dadurch können sie noch einmal daran erinnert werden, dass es im Teeraum keine Rangunterschiede (chanoyu) gibt. Im Teeraum selbst ist eine quadratische Feuerstelle (re) eingelassen, in der sich ein gußeisener Wasserkessel (koma) befindet. Daneben liegen Gerätschaften zur Zubereitung des Tees (chadôgu). Dazu gehören eine Teeschale (chawan), ein Frischwassergefäß (mizuzashi), ein Gefäß für das Brauchwasser (kensui), eine Teedose (natsume oder chaire) und ein Teebesen (chasen), sowie ein Teelöffel (chashaku) und eine Wasserkelle (hishaku). Darüber hinaus ist ein kleiner Nebenraum vorhanden, in dem die Teegeräte aufbewahrt werden können. Auch werden in dieser "Küche" (mizuya) kleine Mahlzeiten (koiseki) zubereitet, die vor dem Teetrinken gereicht werden.

In einer gegenüberliegenden Vitrine sind weitere Gegenstände ausgestellt, die für eine Teezeremonie verwendet werden. Hierzu zählt u.a. eine Teeschale (jap. temmoku-chawan), die aus dem Song-zeitlichen China (960-1279) stammt. Die japanische temmoku-Keramik (chin. tianmushan-yao) geht auf eben derartige chinesische Keramik zurück, die auf Chinesisch jian-yao (bzw. in Umschrift: jian-Ware) bezeichnet wird. Die betreffende Schale hat eine dunkle bis schwarze Ölfleckenglasur und steht auf einem japanischen Untersatz aus Schwarzlack.

In einem weiteren Raum, der zu den nach gebildeten Holzhäusern zählt, wurde eine traditionelle japanische Lackwerkstatt nachempfunden. Hier sind einige Gegenstände und Werkzeuge ausgestellt, die den Herstellungsprozess von Lackschalen illustrieren. Pinsel, Spatel und Schleifsteine sind auf einem niedrigen Tischchen abgelegt. Diese Werkzeuge werden zur Grundierung verwendet, was man an einer halbfertigen Lackschale erkennen kann, die daneben liegt. Darüber hinaus sind weiter hinten im Raum auf einem Schrank geschliffene Rohlinge aus Holz ausgestellt, aus denen man lackierte Teedosen mit Deckel fertigen könnte.

Diese Lackwerkstatt zeigt einen natürlichen Lebens- und Arbeitsraum. Die ausgestellten Objekte werden so in ihrer alltäglichen Umgebung gezeigt, in der sie gebraucht und verwendet wurden.

Dies gilt auch für einen Wohnraum, in dem Einrichtung und Dekorations-Gegenstände gezeigt werden. Dazu zählen ein Tisch mit Sitzkissen, Tabletts, eine Lampe, Kommode, ein Rollbild, Regale, ein Schubladenkästchen mit Teekanne sowie einige Schalen aus Blau-Wei?Porzellan. Ein besonderes Highlight in diesem Raum stellen vier Schiebetüren (fusuma) im hinteren Raumteil dar, welche mit Papier bespannt sind. Sie sind mit Tusche und Farben von Maruyana Okyo (1733-1795) bemalt und werden auf das Jahr 1780 datiert. Dargestellt sind drei Männer vor einem chinesischen Brettspiel in einer Landschaft mit Felsen und Bäumen. Von der linken Seite nähert sich ein vierter Weiser mit seinem Diener.

In diesem japanischem Teil der Ausstellung wird nicht allein japanische Kunst vermittelt, sondern vielmehr ein Eindruck von Land und Kultur im Allgemeinen gegeben. Dies wird von einigen Informationstafeln unterstrichen, die über die geographische Lage sowie die klimatischen Besonderheiten Japans und über seine Geschichte informieren. Eine derartige Ausstellungsgestaltung spiegelt eine ethnographisch motivierte Beschäftigung mit Japan wider, die auch ein kunsthistorisches Interesse beinhaltet, aber eben nicht ausschließlich an der Kunst Japans interessiert ist. Selbstverständlich muss man dabei in Kauf nehmen, dass man nicht jedes Objekt aus der Nähe betrachten kann, denn viele Ausstellungsstücke stehen in den Räumen in einiger Entfernung zum Betrachter.

Weitere Ausstellungsteile

Betritt man den folgenden Ausstellungsraum, in dem u.a. Keramik, Porzellan, Malerei, Tangkas, Netzukes und Inros gezeigt werden, so blickt man zunächst frontal auf eine sitzende Holzfigur des Bodhisattva Ksitigarbha (jap. Jizo bosatsu); Holz mit Schwarzlack und Blattgold; Japan, 2.Hälfte Edo-Zeit (1603-1867). Die Figur steht auf einem ca. 1,50m hohen Sockel frei ohne Glasschutz. Der Bodhisattva ist als Mönch gekleidet und hält einen Wunschjuwel (jap. Hoshu; skr. çintamani) in seiner linken Handfläche. Am rechten Ärmel und am linken Fu? sind Restaurationsspuren zu erkennen. Insbesondere im Kopfbereich, im Gesicht, in den gesenkten Augen sowie in der Ruhe der Lippen zeigt sich die unglaubliche Meisterschaft der damaligen Bildhauer, die diese beeindruckend schöne Figur schufen.

Die ausgestellten Keramiken und Porzellane bestehen in der Hauptsache aus chinesischen Stücken, wobei es einen separaten Raum für koreanische Kunst gibt. Dort werden u.a. koreanische Fächer, Tische und Seladon-Waren gezeigt, auf denen die für Korea berühmte sangam-Dekortechnik zu erkennen ist, bei der eine bleihaltige Masse in die eingeschnittenen Dekorlinien eingelegt bzw. eingerieben wird.

Im chinesischen Teil informieren zahlreiche bebilderte Tafeln über die chinesische Porzellanproduktion. Sie beinhalten Karten, Fotos von Werkstätten und Öfen in Jingdezhen, der chinesischen "Porzellanhauptstadt". Auch wird über die Geschichte des Exportes von chinesischem Porzellan nach Japan, Korea, Südostasien und Europa informiert.

In einer der Wandvitrinen findet sich eine Besonderheit unter den zahlreichen Stücken: Ein Porzellanteller mit unterglasur-blauem Dekor; China, Qing-Dynastie (1644-1911) mit einer Marke des Kaisers Wanli (1573-1619). Im Spiegel des Tellers sind vier Personen in einem Garten dargestellt. Dabei scheint es sich um drei Unsterbliche mit einem Diener zu handeln, die ein Unsterblichkeitselixier trinken. Auf der Innenseite der Wandung befindet sich viermal das stilisierte Schriftzeichen shou (übers.: langes Leben) über einem Wolkenmuster. Der Teller wurde jedoch nie ganz fertig gestellt. Es fehlt das Schmelzfarben-Dekor, welches in einem weitern Brand bei niedriger Temperatur aufgebracht hätte werden sollen. Da dieser Brand nie stattfand, fehlen die farbigen Elemente insbesondere bei den Gewändern der Figuren. Man sieht so lediglich die Köpfe und kleine Gewandelemente in Kobalt-Blau unter der Glasur. Die hier nicht ganz fertig gestellte Technik, bei der zunächst einzelne Dekor-Elemente in unterglasur-blau aufgemalt werden, während später weitere Elemente in Emaille-Farben (häufig rot, rosa, grün, gelb) auf das bereits gebrannte Stück auf der Glasur gemalt werden, woraufhin ein weiteres Mal gebrannt werden muss, nennt man doucai-Technik bzw. doucai-Dekor (doucai bedeutet: hinzugefügte Farben).

In der Raummitte sind zahlreiche Keramiken und Porzellane im Stile einer Studiosammlung in Vitrinen ausgestellt, wobei all diese Stücke unbeschriftet bleiben. Es lässt sich eine grobe zeitliche Anordnung der Objekte erkennen, oftmals wurden die einzelnen Stücke jedoch lediglich nach Stil, Form und Farbe zusammen gruppiert.

Ein ganz besonderes Highlight dieses großen Ausstellungsraumes ist ein 12-teiliger Stellschirm aus sog. "Koromandellack"; China, Qing-Dynastie (1644-1911). Dieses Stück ist einem schmalen Glaskasten aufgehängt, d.h. der Stellschirm wurde vollständig aufgefaltet und so aufgehängt, dass man von beiden Seiten die vollständigen Bildflächen gut erkennen kann. Diese übergroße Glasvitrine fungiert gleichzeitig als Raumteiler. Der Stellschirm wurde ursprünglich von Kandidaten, welche die Beamtenprüfung bestanden hatten, an den Fürsten Dou, kaiserlicher Prüfer der Provinz Sichuan, zu dessen Geburtstag gestiftet. In der entsprechenden Inschrift wird als Schenkungsdatum das Jahr 1707 genannt. Bei der Technik der Koromandellacke wird das Holz zunächst in einem farbig getönten Kreidegrund eingefasst. Darüber wird eine dicke, in diesem Fall dunkelbraune Lackschicht in mehreren Arbeitsgängen aufgetragen. Anschließend können die Dekormuster erzeugt werde, indem sie in die Lackschicht eingeschnitten oder geritzt werden, wobei die darunter liegende, helle Kreideschicht zum Vorschein kommt.

In der Ostasienabteilung des Lindenmuseum werden noch weitere Bereiche der Ostasiatischen Kunst auf eindrucksvolle Weise ausgestellt, wie beispielsweise die antiken Ritualbronzen Chinas. Zusätzlich zu den Ausstellungsobjekten selbst werden hier wieder durch umfassende Informationstafeln nützliche Hintergrundinformationen angeboten. So werden beispielsweise sämtliche Formen der antiken Bronzen in einer Tabelle dargestellt. So erhält der Besucher einen guten Überblick über dieses weite Gebiet der chinesischen Bronzen. Auch etwa mit Tangzeitlicher Keramik, die als Grabbeigaben oder Grabwächter fungierte, verhält es sich ähnlich. Der Erhaltungszustand manchen dieser Grabwächterfiguren, die oft als Erdgeister bzw. Fabel- oder Mischwesen dargestellt wurden, erstaunt allemal, da diese in Drei-Farben-Glasur gefasste Tonwaren (chin. sancai) aus dem 8.Jh stammen. Erdgeister (chin. zhenmushou) sollten entweder böse Einflüsse vom Grab abhalten oder als Schutzgeister (chin. qitou) verhindern, dass die Geister der Toten unter den Lebenden umherirren und Schaden anrichten.

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