Plünderungen
in Peking - die materielle Tragödie:
Mit dem Einmarsch der ausländischen
Truppen in der Hauptstadt wurden innerhalb von
wenigen Tagen die wichtigsten Gebäude,
Ministerien und Tempelanlagen der Qing-Regierung
besetzt. Die Besetzung von bedeutenden Anwesen
begann in einigen Fällen sogar noch vor der
eigentlichen Befreiung der eingeschlossenen
Landsleute. Britische Truppen teilten sich bei
der Einnahme Pekings auf, genauso wie japanische
Truppen, so dass jeweils der eine Teil zur
Gesandtschaft vordringen konnte, während der
andere bereits wichtige Orte besetzen konnte.
Dementsprechend eroberten britische Truppen das
Gelände des Himmelstempels, wo anschließend ihr
militärisches Hauptquartier aufgeschlagen wurde,
noch bevor die ersten Soldaten im
Gesandtschaftsviertel angekommen waren. (Wang
2003:385). In gleicher Weise wurden die in der
Nordkathedrale festsitzenden Christen erst am
16.8.1900 befreit, nachdem strategische
Entscheidungen über die Aufteilung Pekings
bereits gefallen waren. Daran ist zu erkennen,
dass für die ausländischen Mächte bei der
Einnahme Pekings die Rettung von Menschenleben
zwar nicht unwichtig war, jedoch nicht oberste
Priorität besa? Die Besetzung von wichtigen
Gebäuden und Tempeln des chinesischen
Kaiserhofes wurde offensichtlich als mindestens
genauso wichtig eingestuft, wie die Befreiung der
eigenen Landsleute.
Der 15.8.1900 begann mit
umfangreichen Attacken und Eroberungsversuchen im
gesamten Pekinger Stadtgebiet. An diesem Tag
versuchten nicht nur amerikanische, russische und
japanische Truppen die Verbotene Stadt zu
erstürmen. Sondern es wurden bereits zu diesem
Zeitpunkt wichtige Ministerien sowie Residenzen
von Prinzen und Beamten eingenommen, wie
beispielsweise das Steuer- und
Einwohnerministerium durch japanische Truppen.
Darüber hinaus wurde bereits am 15.8.1900 das
gesamte Pekinger Stadtgebiet in acht
Besatzungszonen unter sechs Mächten aufgeteilt,
wobei die Kaiserstadt neutrales Gebiet blieb.Brandschatzungen auf dem gesamten
Pekinger Stadtgebiet erreichten in den folgenden
Tagen ebenfalls erhebliche Ausmaße, doch es muss
an dieser Stelle offen bleiben, inwiefern
Brandlegungen bereits von Yihetuan in den Wochen
und Monaten vor der Besatzungszeit verübt worden
waren. Wie in einigen der unten konkret
beschriebenen Fällen waren auch
Regierungsgebäude, Residenzen hoher Beamter,
Tempel und Bibliotheken von Brandschatzungen
betroffen. Dies legt die Vermutung nahe, dass
eine Vielzahl wichtiger Kulturgüter bereits auf
diese Weise zerstört worden sind. Der Tatendrang
der Besatzungstruppen und das Chaos nahmen
bereits am 15.8. ein derart großes Ausma?an,
dass die verschiedenen Nationen im Laufe des
Tages die Verbindung zueinander völlig verloren.
(Weale 1906:222). Um dem entgegenzuwirken und
gleichzeitig um zu verhindern, dass die Verbotene
Stadt von einer Nation alleine besetzt würde,
verständigten sich die Gesandten und ältesten
Generäle am Nachmittag auf ein koordiniertes
Vorgehen. Hierbei wurden weitaus schwerwiegendere
Vorschläge diskutiert, welche das Niederbrennen
und die Zerstörung der Verbotenen Stadt bedeutet
hätten. Letztlich entschied man sich jedoch
insbesondere auf Drängen Russlands dafür, einen
moderaten Kurs gegenüber der abwesenden
Qing-Regierung einzuschlagen, nicht zuletzt mit
Blick auf die zu fordernden Reparationszahlungen,
welche die chinesische Regierung nicht zu leisten
im Stande wäre, sollte die chinesische
Reichsstruktur völlig in sich zusammenbrechen.
(Fleming 1961:229).
Die offenen Plünderungen von
Wertsachen begannen ebenfalls unmittelbar nach
dem Truppeneinmarsch am 14.8.1900 und wurden in
den darauf folgenden Tagen auf das gesamte
Stadtgebiet ausgeweitet. Die Soldaten verfügten
bereits über umfangreiche Erfahrungen im
Plündern, die sie seit der Einnahme Tianjins am
14.7.1900 sammeln und auf der gesamten
Marschroute zwischen Tianjin und Peking erweitern
konnten. Sowohl Tianjin als auch sämtliche
Städte und Dörfer zwischen Peking und Tianjin
wurden nahezu vollständig zerstört,
niedergebrannt und ausgeraubt. (Weale 1906:228). Graf von
Waldersee konnte sich mit eigenen Augen ein Bild
der Verwüstungen machen: "Nur selten war
ein Haus intakt geblieben, sonst alles
Schutthaufen, größere Gebäude, wie Tempel,
mindestens innerlich stark verwüstet, alle
Buddha- und sonstigen Götzenbilder
zertrümmert." (Waldersee 1967(1923):34).
Dementsprechend trafen bereits in den ersten
Tagen der Besatzung ganze Wagenladungen
geplünderter Waren in Peking ein, die von Beginn
an bereits zum Verkauf angeboten wurden. Jedoch beschränkte sich das
Plündern keineswegs nur auf Soldaten oder eine
andere spezielle Personengruppe. Auch gingen die
Plünderungen in Peking nicht von einer
bestimmten Personengruppe aus. An Raub und
Diebstahl beteiligten sich so gut wie alle
anwesenden Ausländer inklusive Priester,
Missionare, Christen und deren chinesische
Anhänger. Es beteiligten sich nicht nur Soldaten
niederer Ränge, sondern auch hohe Befehlshabende
wie Offiziere, Diplomaten, Beamte,
Gesandtschaftsangehörige sowie deren Frauen und
zahlreiche zivile Staatsangehörige der
ausländischen Mächte. Die Anzahl von
Nicht-Chinesen zusammen mit chinesischen
Christen, die in Peking während der Belagerungen
von Gesandtschaftsviertel und Nordkathedrale
eingeschlossen waren, wird in der
chinesischsprachigen Literatur mit mehr als
zehntausend angegeben. (Li 1992:94; Tian
2001:268). Allein in der Nordkathedrale
verbarrikadierten sich rund 1000 Ausländer und
3000 chinesische Konvertiten. (Leutner (Hg.)
2007:102). All diese Menschen, welche die
Belagerungszeit überlebt hatten, beteiligten
sich auf unterschiedliche Weisen ebenfalls an den
Plünderungen. Das Gros der Besetzungen wichtiger
Gebäude und des Abtransportes von Kulturgütern
geschah jedoch durch Truppen der acht Armeen.
In einem schwer abzuschätzenden
Maße wurde darüber hinaus von chinesischen
Soldaten und Yihetuan geplündert, verwüstet und
gebrandschatzt. In der Literatur finden sich nur
sehr ungenaue Angaben dazu, doch an einigen
Stellen wird darauf hingewiesen, dass chinesische
Truppen selbst bestimmte Objekte, offizielle
Gebäude und Warenlager ausgeraubt hätten. Im
Folgenden werden derartige Hinweise bei der
Besprechung der einzelnen Gebäude angegeben.
Auch unter der Pekinger Stadtbevölkerung kam es
zu Diebstählen und Plünderungen. Manche
einheimische Chinesen versuchten im ausbrechenden
Chaos selbst zu profitieren und bemächtigten
sich ungeschützter Güter. Insbesondere die
Dienerschaft von flüchtenden Beamten verweigerte
in vielen Fällen den Dienst und trat selbst die
Flucht an oder fing an zu rauben und zu
plündern, so dass zahlreiche Beamte und deren
Angehörige ihre Gepäckwägen selbst ziehen
mussten. (Pechmann (Hg.) 2001:93; Wang 2003:412;
Zhang und Du (Hg.) 1990:255-260).
Gewiss nicht ganz ohne Ausnahme,
aber doch für nahezu sämtliche Ausländer, die
zu diesem Zeitpunkt in Peking waren, schien es
eine Selbstverständlichkeit gewesen zu sein,
dass mit dem Fall Pekings die Kulturgüter und
Zeugnisse der materiellen Kultur Chinas zur
Disposition standen. Geplündert wurde nicht nur
von individuell agierenden Einzelpersonen und
Gruppen, sondern insbesondere in Form von
organisierten, offiziell befehligten
militärischen Einsätzen. Sämtliche
Palastanlagen, bedeutende Tempel, Residenzen von
Prinzen und Beamten sowie Ministerien und
Lagerhäuser wurden unter offizieller,
militärischer Führung und Aufsicht besetzt und
geplündert. Die ortskundigen chinesischen
Christen sowie Angehörige der Gesandtschaften
wiesen dabei bereitwillig den Weg. Das übrige
Stadtgebiet, inklusive unzähliger
Ladengeschäfte, Juwelierläden, Leih- und
Pfandhäuser, kleinerer Tempel und Klöster sowie
Privatwohnungen wurden durch selbstständig
agierende Truppen geplündert. Teile der chinesischen Bevölkerung
raubten nicht nur, wobei sie weitaus härter
bestraft wurden als Ausländer, sonder es kam
auch vor, dass Chinesen von Ausländern als
Plünderer missbraucht wurden. Die Ausländischen
Soldaten konnten im Falle eines Konfliktes
schnell flüchten, während die von ihnen
eingesetzten Chinesen als Schuldige festgenommen
wurden. (Zhang und Du (Hg.) 1990:286).
Die Tatsache, dass im gesamten
Stadtgebiet nach Belieben geraubt und geplündert
wurde, dass Kostbarkeiten und wertvolle Schätze
nun täglich eingebracht und gehandelt wurden,
konnte im Grunde genommen niemanden unberührt
lassen. Wer selbst nicht stahl, der konnte
zumindest einige Antiquitäten und Wertsachen
für wenige Silber- oder Goldstücke erwerben. Das Plündern brach wie
eine Seuche über nahezu sämtliche Ausländer
herein, der sich kaum jemand entziehen konnte.
(Sharf und Harrington (Hg.) 2000:223). Dies hatte
zur Folge, dass die nachrückenden Soldaten
binnen kurzem von Neid und Gier gepackt wurden,
als sie sahen, welchen Handel ihre Vorgänger
bereits trieben. Die Tatsache, dass die
nachrückenden Soldaten von neuem anfingen zu
plündern und zu rauben, hatte wiederum die
verheerende Auswirkung, dass nun diejenigen
Gegenstände ins Visier gerieten, die von den
Vorgängern zunächst verschont worden waren.
Zusammen mit Handelstrukturen, die sich in den
ersten Monaten nach der Einnahme Pekings
entwickelten, bewirkten diese Umstände eine
Intensivierung des Raubens und Plünderns in der
chinesischen Hauptstadt. Es ist zwar richtig,
dass das offene, offensichtliche Plündern mit
der Zeit abebbte, doch gleichzeitig nahmen der
Handel und das heimliche, versteckte Stehlen in
Peking zu. Damit ist zum einen gemeint, dass
Soldaten Gebäude beraubten, die von Soldaten
anderer Nationen bewacht wurden. Und zum anderen,
dass diejenigen Truppen, welche die Besetzung
bestimmter Gebäudekomplexe von anderen Nationen
übernahmen, diese Gebäudeanlagen von neuem
ihrer Wertsachen entledigten. Später gekommene
Truppen machten sich im Gegensatz zu ihren
Vorgängern gar die Mühe, besonders große und
schwere Gegenstände abzutransportieren, wie das
Beispiel der von Deutschland und Frankreich
geraubten astronomischen Instrumente
eindrucksvoll belegt. Der Transport dieser
schweren Bronzeobjekte erforderte Planung und
strukturiertes Vorgehen. Es handelte sich
offenbar nicht um spontanen Diebstahl, sondern um
eine wohl durchdachte und organisierte Form von
Plünderung. Für die Intensivierung des
Diebstahls im Laufe der Besatzungszeit spielt es
eine Rolle, dass die Truppen monatelang mit
keiner offenen Kriegssituation konfrontiert
waren. D.h. die Offiziere und Soldaten hatten
Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.
Offiziere konnten beispielsweise nach Peking
reisen und dort einige Sehenswürdigkeiten
besichtigen. Doch insbesondere deutsche Truppen
waren zu hartem unnachgiebigen Verhalten
veranlasst. Daher plünderten sie nach Einbruch
der Dunkelheit in der chinesischen Hauptstadt,
obwohl sie Wochen nach den eigentlichen
kriegerischen Auseinandersetzungen eingetroffen
waren. (Weale 1906:302).
Je länger die Besatzung der acht
Mächte andauerte, desto mehr Kulturgüter gingen
der chinesischen Hauptstadt verloren. Der Umfang
und das tatsächliche Ausma?des Verlustes werden
niemals konkret zu benennen sein. Graf von
Waldersee urteilte entsprechend, dass durch
offizielle und private Plünderungen "der
Einwohnerschaft ein gewaltiger, aber auch nicht
annähernd zu beziffernder materieller Schaden
zugefügt sein (muss)." (Waldersee
1967(1923):36). Die wenigen dokumentierten
Verluste werden in den folgenden Kapiteln
benannt. Doch muss man sich vergegenwärtigen,
dass Antiquitäten oder religiöse Objekte, wie
beispielsweise buddhistische Figuren, zuvorderst
einen kulturhistorischen und kulturellen bzw.
ideellen Wert haben, der kaum in Silbermünzen
bezifferbar ist. Während also der Verlust von
Zahlungsmitteln relativ konkret beziffert werden
kann, ist allein der dokumentierte Verlust an
Gegenständen von unschätzbarem, unermesslichem
Wert. Dem kommt der erst recht unermesslich hohe
Verlust an Gegenständen hinzu, die nicht
dokumentiert wurden. Plünderungen von
Lebensmitteln und Tieren, sowie das Ausräumen
von Getreidespeichern werden hier nur in
Einzelfällen berücksichtigt.



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