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Die Plünderung von Kulturgütern in Peking 1900/1900

Sturm auf die Verbotene Stadt:

In den frühen Morgenstunden des 15.8.1900 begann der Angriff auf die Mauern und Tore der Kaiserstadt. Einige Stunden bevor das Tor der Stabilität an der Nordseite derselben von japanischen Truppen angegriffen wurde, konnten der Kaiserhof sowie zahlreiche Beamte die Kaiserstadt durch dieses Tor verlassen und ihre Flucht in den Westen Chinas antreten. Während japanische Angriffe an der Nord- und russische Angriffe an der Ostseite der Kaiserstadt stattfanden, eroberten amerikanische Truppen die Südseite, beginnend mit dem Vordertor. Zu diesem Zeitpunkt war den Angreifern noch nicht bekannt, dass die Kaiserinwitwe Ci Xi sowie Kaiser Guang Xu bereits entkommen waren. Der Kaiserhof war zusammen mit zahlreichen Prinzen und Beamten geflohen und wurde darüber hinaus von mehr als tausend Soldaten der acht Banner eskortiert. Zur Bewachung und Verteidigung der Verbotenen Stadt wurde lediglich ein kleiner Teil der kaiserlichen Soldaten zurückgelassen. Die amerikanischen Angreifer konnten bereits drei Tore erobern, bevor ihr Vordringen auf Befehl General Chaffees hin abgebrochen wurde, was mehrheitlich als eine große Enttäuschung empfunden wurde (Hevia 2003:204; Ma 2005:501; Weale 1906:220; Zhang und Du (Hg.) 1990:256). Die Amerikaner attackierten zu diesem Zeitpunkt bereits das Meridiantor, hinter dem sie in die Verbotene Stadt eingedrungen wären. Diese Angriffe waren jedoch Alleingänge, die von den anderen Nationen kritisiert wurden, da befürchtet wurde, dass die zuerst Kommenden die Verbotene Stadt unter sich aufteilen würden. Einer konträren Aussage zufolge mussten die Amerikaner ihren Angriff nicht aufgrund von befehligter Zurückhaltung abbrechen, sondern weil es ihnen trotz schwerer Geschütze nicht gelungen war, das letzte Tor zur Verbotenen Stadt einzunehmen. Daraufhin hätten sich Gerüchte verbreitet, dass die Macht der Ausländer letztlich doch nicht ausreiche, um bis auf den heiligen Boden der Verbotenen Stadt vorzudringen (Siehe unten, wenn auf Argumente für den Durchmarsch durch die Verbotenen Stadt eingegangen wird). (Zhang und Du (Hg.) 1990:265). Der Wahrheitsgehalt dieser Variante konnte anhand der zugänglichen Quellen nicht mehr überprüft werden. Angesichts der imposanten und monumentalen Größe des Meridiantores ist sie jedoch nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen.

Eine der kuriosesten Anekdoten am Vormittag des 15.8.1900 betrifft einen französischen Alleingang, bei dem französische Kanonen auf der Stadtmauer neben dem Gesandtschaftsviertel postiert wurden. Von dort aus wurde anschließend "den Damen ein kleines Bombardement gezeigt" (Pechmann (Hg.) 2001:87), wobei die amüsierten Zuschauer genau beobachten konnten, wie die Kugeln in die gold-gelben Dächer der Palais und Gebäude der Verbotenen Stadt einschlugen. (Pechmann (Hg.) 2001:87).

Am Nachmittag des 15.8.1900 wurde bei den erwähnten Verhandlungen der Gesandten und ältesten Generäle zwar bereits die Aufteilung des Pekinger Stadtgebiets beschlossen, doch hinsichtlich der Kaiserstadt zunächst eine abwartende Haltung eingenommen, da sich die Befehlshaber noch nicht mit ihren jeweiligen Heimatregierungen koordinieren konnten. (Weale 1906:226). Die Entscheidung, die Verbotene Stadt selbst nicht für Plünderungen freizugeben und nicht die Besetzung durch eine einzelne Nation zuzulassen, wird in der Literatur oftmals als ein Kompromiss dargestellt, der verhinderte, dass sich eine willkürliche und verheerende Plünderung nach dem Vorbild der Plünderungen des Sommerpalastes 1860 wiederholte. Doch bei genauer Betrachtung der Ereignisse zeigt sich zum einen, wie unten beschrieben wird, dass in der Verbotenen Stadt und auf dem gesamten Gebiet der Kaiserstadt in großem Umfang geraubt wurde, wenn auch nicht in Kombination mit großflächigen Bränden wie im Jahr 1860. Zum anderen wird auch deutlich, dass dieser so genannte Kompromiss nicht den Schutz der Kulturgüter intendierte, sondern vor allen Dingen der Tatsache geschuldet war, dass alle Nationen Anspruch erhoben, Zugang in die Verbotene Stadt zu haben und gleichsam verhindern wollten, dass die unzähligen Schätze von einer Nation alleine abtransportiert werden könnten. (Xiang 2007:110). Der Beschluss der Generäle sah nun vor, dass diejenigen Nationen, welche als erste in die Palastanlage eingedrungen waren, die Bewachung und den Schutz derselben übernehmen sollten. Dementsprechend wurden vom 15.8.1900 an die Tore der Kaiserstadt auf allen vier Seiten von russischen und amerikanischen Truppen besetzt und bewacht.[1]

In einer weiteren Konferenz am 25.8.1900 wurde entschieden, dass die Verbotene Stadt nicht besetzt werden würde, wohl aber für einen Truppendurchmarsch (Triumphmarsch) von der Süd- zur Nordseite freigegeben wurde, welcher schließlich am 28.8.1900 stattfand.[2] In der Verbotenen Stadt selbst wurden keine Quartiere aufgeschlagen, wohl aber in der gesamten Kaiserstadt, welche die Verbotene Stadt umgab (siehe unter IV.2. Plünderung der übrigen Kaiserstadt). (Ma 2005:501; Preston 2001:372; Pechmann (Hg.) 2001:98; Xiang 2007:109).

Die Kunstwerke und Sammelobjekte, welche sich in der Verbotenen Stadt befanden, waren ausnahmslos besonders hochwertige Objekte. Arbeiten minderwertiger Qualität fanden grundsätzlich keinen Einzug in die kaiserlichen Palastanlagen. Ganz gleich um welche Art von Gegenstand es sich handelte, die für den Kaiserhof bestimmten Objekte waren in jedem Fall von besonderer Rein- und Feinheit, Eleganz und Schönheit. In der Verbotenen Stadt befanden sich neben den Wohnräumen für Hofangehörige, wozu unter anderem Konkubinen, Tänzer, Musiker, Lehrer, Ärzte usw. gehörten, einige wichtige Lagerhäuser und Bibliotheken in Form von vielen kleinen, einstöckigen Gebäuden. Dazu zählte ein Gebäude für Geld und Wertsachen des Kaiserhofes sowie weitere Gebäude, in denen seidene Gewänder, Seidenrollen, bestickte und mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe, Pelze, Tee, Perlen und Juwelen, Edelsteine, mit Gold dekorierte Schuhe und dergleichen aufbewahrt wurden. In den größeren Hallen, wie etwa in der Halle zum Schutze der Harmonie oder der Halle der übergroßen Harmonie, wurden zahlreiche wichtige Dokumente und Archive des Kaiserhofes aufbewahrt. (Zhang und Du (Hg.) 1990:275).

Es ist unklar, wann und wie die Öffnung der Tore zur eigentlichen Verbotenen Stadt erzwungen wurde, d.h. es besteht die Möglichkeit, dass einzelne Militärs schon vor dem 28.8.1900 in die Verbotene Stadt eingedrungen waren. Im Allgemeinen wird jedoch davon ausgegangen, dass am oder kurz vor dem 28.8.1900 durch General Chaffee bzw. General Linjewitsch die Öffnung der Tore der Verbotenen Stadt unter Androhung der völligen Zerstörung derselben erzwungen wurde. Es sollen jedoch von einigen Besuchern bewaffnete, mandschurische Soldaten beobachtet worden seien, die für den Fall eines Gewaltausbruchs bereitstanden. (Zhang und Du 1990:274). Die Militärparade war ein Ereignis von großer Symbolhaftigkeit und jede Nation ließ eine vereinbarte Anzahl an Soldaten teilnehmen. Die Truppen marschierten in dieser Reihenfolge durch das innere linke Tor; nach Süden gerichtet links) in die Verbotene Stadt ein: Russland mit 800 Soldaten, Japan mit 800, Großbritannien, die USA und Frankreich mit jeweils 300 bis 400 Soldaten, sowie Deutschland mit 250 und Italien und Australien mit jeweils 60 Soldaten. (Ma 2005:502). In der Sekundärliteratur wird die Zahl der teilnehmenden Truppen mit ca. 2300 Mann angegeben. (Madaro 2006:198).

Während des Durchmarsches durch die Verbotene Stadt konnten die ausländischen Besucher nicht nur die Gebäudearchitektur bestaunen, sondern auch den Inhalt einzelner Hallen und Palais. In einigen Fällen wurden kostbare Kulturgüter beschrieben, wie etwa Fresken und buddhistische Figuren, silberne Schalen, Jadeschnitzereien, Flaschen, Figuren, Kerzenhalter und Weihrauchgefäße, die von einigen Besuchern auf der Nordseite der Verbotenen Stadt gesehen worden sind. In den Privatgemächern des Kaisers sahen sie Fläschchen aus Jade und purem Gold, sowie Kästchen und Dosen aus Elfenbein, die teilweise mit Gold dekoriert waren. Der Inhalt, welcher den Besuchern nicht etwa entgangen war, umfasste goldene Dekorations- und Schmuckgegenstände, offizielle Medaillen, kaiserliche Jadesiegel, Bernsteinketten und weitere Dinge dieser Art. (Zhang und Du (Hg.) 1990:273,274). Demgegenüber wurden von einigen Augenzeugen in ihren Berichten große Mengen von mechanischen Gegenständen, Uhren, Spieluhren und Musikkästen beschrieben, die vermutlich aus Europa stammten und zum Teil als Geschenke an den chinesischen Kaiserhof gelangten.[3] Diese Palastbesucher nahmen allem Anschein nach insbesondere diejenigen Dinge wahr, die ihren Augen bereits vertraut waren, während sie die chinesischen Kulturgüter kaum beachteten.[4] (vgl. Hevia 2003:207).

Die ängstlichen und eingeschüchterten Palasteunuchen, die als überaus unterwürfig beschrieben wurden, hatten den Ausländern nichts entgegenzusetzen, sondern servierten hingegen sogar Tee und Kleinigkeiten zum Essen. Höhere Militärangehörige stiegen von ihren Pferden ab, um kleine Gassen zu erforschen und die kaiserlichen Räumlichkeiten auszukundschaften. (Zhang und Du (Hg.) 1990:262,263). Im Verlauf des Truppendurchmarsches kam es ebenfalls zu Diebstählen. Als die Offiziere und Diplomaten von den Palasteunuchen durch die kaiserlichen Gemächer geführt wurden, verschwanden manche kostbare, bewegliche Gegenstände in den Taschen und unter den Gewändern der Ausländer. Niemand war bereit, eine derartige Gelegenheit verstreichen zu lassen, ohne sich wenigsten ein Souvenir in die Tasche zu stecken. (Preston 2001:371-373). Die Eunuchen hätten in Gegenwart der Ausländer eine vollkommen unterwürfige Haltung eingenommen und bereitwillig verschlossene Tore geöffnet, wenngleich ihre Gesichtsausdrücke von Wut und Hass erfüllt gewesen sein sollen. (Hevia 2003:207; Zhang und Du (Hg.) 1990:269).

Darüber hinaus wurde (vermutlich am 28.8.1900) für die Oberkommandierenden verschiedener Nationen eine Besichtigung der Verbotenen Stadt durchgeführt, wobei allen voran die beiden russischen Generäle Linijewitsch und Alexieff sowie ihre Begleitungen bis in die privaten Schlafgemächer der Kaiserinwitwe Ci Xi gelangten. Bei dieser Besichtigungstour kam es zu umfassenden Diebstählen. Die Mehrzahl der Besucher trugen trotz heißen Wetters Wintermäntel und Hüte, in denen sie in unbeobachteten Momenten kleinere Wertgegenstände verschwinden lassen konnten. Auf diese Weise wurden beispielsweise zehn mit Gold und Edelsteinen besetzte, kleine und exquisite kunsthandwerkliche Arbeiten aus einem gläsernen Kabinett gestohlen, noch bevor die beiden Generäle die Verbotene Stadt verlassen hatten. (Tian 2001:282). Zu den verschwundenen Objekten aus besagtem Kabinett zählten unter anderem einige fein gearbeitete Tassen aus Koralle mit Einlagen aus Gold. Obwohl es vor General Linijewitsch, der den Raub offiziell nicht billigte, zum Disput über den Verlust der Objekte kam, wurde nach den Gegenständen nicht weiter gesucht. (Zhang und Du (Hg.) 1990:277). In einer der kaiserlichen Hallen verschwanden einige große und kostbare Ruyi-Zepter. Die beiden russischen Generäle teilten dies den Offizieren mit und versuchten, diese zur Rede zur Stellen. Letztlich entschieden sie jedoch, dass diesbezüglich keine Maßnahmen ergriffen werden müssten. (Zhang und Du (Hg.) 1990:278).

Einige Beobachter bemerkten, dass sich bei den Rückkehrenden die Kleidungsstücke geradezu wölbten, weil sich darunter Schätze aus der Verbotenen Stadt verbargen. Die Besucher waren beim Verstecken des Diebesgutes äußerst einfallsreich: Wertsachen wurden nicht nur in Mäntel, Taschen und Decken gehüllt, wobei auch kleinere Gegenstände in größeren, etwa in Porzellanvasen, verstaut wurden. Sondern kleine Gegenstände wie Schmuck und Juwelen wurden sogar im Ohr und unter dem Hut abtransportiert. (Xiang 2007:109-115). Beim Diebstahl von Kulturgütern während dieser Besichtigung und während des Truppendurchmarsches haben wir es mit Plünderungen durch Angehörige der obersten Ränge zu tun: Generäle, Offiziere, Gesandte, Diplomaten sowie deren Begleitungen. Die Gegenstände, welche in diesem Zusammenhang entwendet worden sind, seien es kleinere Gold-, Silber-, Elfenbein- oder Jadearbeiten, Amulette, Schmuckstücke, Perlen, Textilien oder Keramiken, waren (und sind) in jedem Fall von außerordentlicher Feinheit und Qualität, da sie für den Kaiserhof und die Kaiserfamilie bestimmt waren.[5] Die oben erwähnten Kästchen aus Elfenbein, die sich in den kaiserlichen Privatgemächern befanden, wurden von einigen ranghohen Besuchern nicht nur geöffnet, sondern sogar zerschlagen, da man die Dosen offenbar als wertlos erachtete, nachdem man den kostbaren Inhalt bereits in die Tasche gesteckt hatte. Es kam in zumindest einem Fall sogar vor, dass ein Offizier einem chinesischen Offiziellen eine Kette vom Hals riss, die mit Bernstein und Jade bestückt gewesen sein soll. (Zhang und Du (Hg.) 1990:274).

In den Tagen und Wochen nach dem 28.8.1900 wurde es Offizieren sämtlicher Nationen sowie deren Begleitung gestattet, in Anwesenheit russischer Offiziere die Verbotene Stadt zu besichtigen. Nicht nur in den ersten Tagen der Besatzung, sondern auch während der ersten Jahreshälfte 1901 wurde die Besichtigung der kaiserlichen Palastanlagen zu einem der beliebtesten und spannendsten Zeitvertreibe der Offiziere. Alleine das Ministerium für innere Angelegenheiten zählte mehr als 1500 Offiziere, die sich in Begleitung chinesischer Beamter die Verbotene Stadt ansahen.[6] (Xiang 2007:111). Bei diesen Besichtigungen war es üblich, dass man sich mindestens ein Souvenir mitnahm. Das konnte in der Weise geschehen, dass die Besucher zunächst Gegenstände von Interesse in die Hand nahmen, genau betrachteten, dann wieder ablegten oder den Gegenstand in ihren Taschen verschwinden ließen, bzw. auf dem Rückweg oder im Vorbeigehen mitnahmen. Die Besichtigungen erhielten entsprechend den Spitznamen Palastraub oder den Palast bestehlen. Eine große Anzahl der wertvollen beweglichen Güter verschwand auf die oben beschriebene Weise bereits innerhalb der ersten 14 Tage der Besatzungszeit. Darüber hinaus nahm der Umfang dieser Diebstähle durch Offiziere auf Besichtigungstouren in den darauf folgenden Monaten zu, da die Gier und der Neid der später gekommenen Offiziere durch die Erzählungen über bereits gehobene Schätze beflügelt wurden. Derartiger Diebstahl in der Verbotenen Stadt war ein offenes Geheimnis und wurde während der gesamten Besatzungszeit in Peking praktiziert. (Liu 2006:87; Tian 2001:281,282; Xiang 2007:112-114).

Zu den Kriegstrophäen der Offiziere gehörten nicht nur Wertsachen, sondern auch so genannte Pekinger Haba-Hunde, welche im Kaiserpalast gezüchtet wurden. Auf den Besichtigungstouren wurden die kaiserlichen Hunde als Souvenirs mitgenommen. (Zhang und Du (Hg.) 1990:278). Russische Soldaten waren jedoch in erster Linie an Uhren und Pelzen interessiert. Insbesondere waren mechanische Uhren, welche zur vollen Stunde läuteten und in einigen Fällen mit Emaille-Arbeiten dekoriert oder mit Edelsteinen verziert sein konnten, für sie von besonderem Wert. Chinesische Kunst und Kulturgüter, wie Bilder oder bemaltes Porzellan, interessierten sie weitaus weniger. Derartige Dinge wurden von Russen sehr billig an jeden beliebigen Interessenten verkauft. Ein russischer Augenzeuge berichtete, dass er in einer Feldküche in der Kaiserstadt von Tellern aus der Zeit der Kaiser Kang Xi (1662-1722n.Ch.) und Qian Long (1735-1795n.Ch.) gegessen habe. Viele derartiger Porzellane seien darüber hinaus zerschlagen worden. (Zhang und Du (Hg.) 1990:278).

Darüber hinaus trug sich geheimer Diebstahl zu, der nachts durchgeführt wurde, nachdem die Tore der Palastanlage verschlossen wurden und die letzten Patrouillen beendet waren.[7] Die Soldaten krochen dabei durch die Abwasserkanäle unterhalb der Tempelanlage ins Innere des Kaiserpalastes, oder arbeiteten sich durch selbst gegrabene Tunnel unter der Palastmauer hindurch in die Verbotene Stadt. Nachdem sie sich in der Dunkelheit einen Weg durch das Labyrinth der Palastanlage suchten und dabei tragbare Wertsachen in Decken eingehüllt mitnahmen, verließen sie den Kaiserpalast auf demselben Weg, den sie gekommen waren. (Wang 2003:424).

Insgesamt waren bis Ende des Jahres 1900 mehr als die Hälfte der beweglichen Kulturgüter aus der Verbotenen Stadt verschwunden. (Tian 2001:282).[8] Die Mehrzahl dieser Verluste wurde niemals dokumentiert. Dem Kaiserpalast gingen gewaltige Bestände an geheimen Aufzeichnungen und Dokumenten verloren. Dazu zählten unter anderem: 47 506 Bände aus den vier bibliographischen Abteilungen; 135 Bände aus dem Bing Ye Yi Lan; 120 Bildrollen mit Abbildungen sämtlicher Kaiserinnen und Konkubinen vergangener Dynastien; 76 Originalmanuskripte bezüglich der Ahnen der Kaiserfamilie sowie der Opferrituale an Himmel und Erde; 74 Bände der Aufzeichnungen bezüglich der Ehrung der Vorfahren des Qing-Hofes; 48 Bände der Aufzeichnungen über Vernichtungskriege; 45 Bände der Aufzeichnungen bezüglich des Alltagslebens des Kaisers Guang Xu; 31 Bände mit authentischen Schriftstücken oder Zeichnungen, die von den Kaisern persönlich angefertigt worden sind; 18 Bände des Ning Shou Jian Gu; acht Bände von Schriftstücken des Kaisers Guang Xu; sechs Bände bezüglich steinerner Gedenktafeln aus der Mandschurei; vier Bildrollen mit Abbildungen vorangegangener Kaiser; vier Bände bezüglich eines allgemeinen Überblicks über das feudale China; vier Bände zur Erinnerung des Aufstiegs des langen weißen Drachens (?); ein Band mit kaiserlichen Siegeln und weitere Dokumente. (Xiang 2007:114; Tian 2001:283). Darüber hinaus ereignete sich bereits am 4. Juni 1900 ein Brand in der Verbotenen Stadt, bei dem die Halle der Kriegshelden beschädigt wurde. Mit diesem Brand gingen unter anderem offizielle Dokumente, antike Bücher, kaiserliche Edikte und öffentliche Anschläge verloren. (Zhang und Du (Hg.) 1990:297).

Eine kuriose, doch der Gier der Eindringlinge entsprechende Form von Plünderung betraf menschengroße Wasserbehälter aus Bronze, die in der Verbotenen Stadt aufgestellt waren, um im Falle eines Brandes möglichst schnell an Löschwasser zu gelangen. Diese Behälter waren an ihren Außenseiten vergoldet, wobei das Gold offenbar die Aufmerksamkeit der Plünderer erregte. Mit Messern und Säbeln kratzten sie die Vergoldung ab. Die blanken Bronzebehälter, auf denen die Kratzspuren der Messer zu erkennen sind, wurden bis zum heutigen Tage so belassen und können in der Verbotenen Stadt besichtigt werden. (Zhao 2000:135).

Die einzelnen Beispiele von Plünderungen in der Verbotenen Stadt erstaunen aufgrund der Tatsache, dass in der Mehrzahl der Texte, welche die Plünderungen in Peking 1900/01 behandeln, die Verbotene Stadt als eine Art Tabu-Zone behandelt wird, die kaum von Plünderungen betroffen war. Es ist daher anzunehmen, dass das Ausmaß der verheimlichten, niemals dokumentierten Diebstähle in der Verbotenen Stadt sehr groß ist.


[1] Nach dem Rückzug der Russen, der wohl Anfang September stattfand, wurden die Tore der Kaiserstadt von japanischen und amerikanischen Truppen bewacht. (Waldersee 1967(1923):36; Zhang und Du (Hg.) 1990:259; Xiang 2007:114).

[2] Für eine zusammenfassende Darstellung der Argumente, welche zu dieser Entscheidung geführt haben, siehe Hevia 2003:204. Die Grundzüge der Argumentation lauteten sinngemäß, dass eine Verschonung der Verbotenen Stadt als Zeichen von Schwäche interpretiert werden könnte und gegenüber China symbolisieren würde, dass die Macht der ausländischen Nationen doch nicht ausreiche, um das oberste Heiligtum, das Zentrum des chinesischen Reiches zu besetzen. Eine permanente Besetzung oder gar eine Zerstörung der Verbotenen Stadt könnte jedoch im schlimmsten Fall zum Zusammenbruch und zur Zerstückelung des chinesischen Reiches führen, woraufhin es keinen Verhandlungspartner mehr gäbe, von dem Entschädigungszahlungen gefordert werden könnten. (siehe dazu auch Waldersee 1967(1923):36; Ma 2005:501; Zhang und Du (Hg.) 1990:261).

[3] Europäische Uhren wurden im 19.Jh in Südchina nachgebaut und offensichtlich von der chinesischen Kaiserfamilie sowie von hohen Beamten sehr geschätzt.

[4] Es gab nur wenige Tagebuch- und Berichtschreiber, die sich die Mühe machten, ihnen unbekannte, fremde Gegenstände zu beschreiben. Daher fallen die meisten Berichte im Hinblick auf die Beschreibungen von Architektur und Kulturgütern, etwa Einrichtungen von Hallen, Residenzen und Tempeln, wenig aufschlussreich aus.

[5] Derartige, selbst kleinste Objekte aus direktem kaiserlichem Besitz erzielen auf dem internationalen Kunstmarkt heutzutage außerordentlich hohe Preise. Um nur ein Beispiel zu nennen: Eine kaiserliche Haarnadel aus Jade von 20,3cm Länge erzielte bei Christie`s Imperial Sale 1996 einen Zuschlagspreis von 3 100 000 HK$ (Christie`s 1996, Zuschlagsliste auf Anfrage).

[6] Diese Zahl ist möglicherweise nicht vollständig, da vermutlich nicht alle Besichtigungen unter russischer Aufsicht mitgezählt wurden.

[7] Ähnliche Ereignisse beschrieb auch Simpson in großer Ausführlichkeit, jedoch handelte es sich dabei nicht um die Verbotene Stadt, sondern um einen anderen Palast innerhalb der Kaiserstadt (siehe unter IV.2. Plünderung der übrigen Kaiserstadt). (Weale 1906:289-292).

[8] Dies erstaunt insofern, als zwischen 1900 und 1926 noch bedeutende Mengen an Antiquitäten und Kulturgütern in der Verbotenen Stadt inventarisiert wurden, die zum Teil jedoch aus anderen Palästen und Residenzen außerhalb Pekings in die Hauptstadt transportiert worden waren. (Xiang (Hg.) 2006). Zwar verschwanden nach Abdankung des letzten Kaisers der Qing-Dynastie noch unzählige Objekte aus der Palastanlage, jedoch sollte die Invasion der acht ausländischen Mächte bis zur Eröffnung des Palastmuseums 1926 das einzige Mal bleiben, dass die Schätze der Verbotenen Stadt derart offen zugänglich für Raub und Diebstahl waren.

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