Sturm
auf die Verbotene Stadt:
In den frühen Morgenstunden des
15.8.1900 begann der Angriff auf die Mauern und
Tore der Kaiserstadt. Einige Stunden bevor das
Tor der Stabilität an der Nordseite derselben
von japanischen Truppen angegriffen wurde,
konnten der Kaiserhof sowie zahlreiche Beamte die
Kaiserstadt durch dieses Tor verlassen und ihre
Flucht in den Westen Chinas antreten. Während
japanische Angriffe an der Nord- und russische
Angriffe an der Ostseite der Kaiserstadt
stattfanden, eroberten amerikanische Truppen die
Südseite, beginnend mit dem Vordertor. Zu diesem
Zeitpunkt war den Angreifern noch nicht bekannt,
dass die Kaiserinwitwe Ci Xi sowie Kaiser Guang
Xu bereits entkommen waren. Der Kaiserhof war
zusammen mit zahlreichen Prinzen und Beamten
geflohen und wurde darüber hinaus von mehr als
tausend Soldaten der acht Banner eskortiert. Zur
Bewachung und Verteidigung der Verbotenen Stadt
wurde lediglich ein kleiner Teil der kaiserlichen
Soldaten zurückgelassen. Die amerikanischen
Angreifer konnten bereits drei Tore erobern,
bevor ihr Vordringen auf Befehl General Chaffees
hin abgebrochen wurde, was mehrheitlich als eine
große Enttäuschung empfunden wurde (Hevia
2003:204; Ma 2005:501; Weale 1906:220; Zhang und
Du (Hg.) 1990:256). Die Amerikaner attackierten
zu diesem Zeitpunkt bereits das Meridiantor,
hinter dem sie in die Verbotene Stadt
eingedrungen wären. Diese Angriffe waren jedoch
Alleingänge, die von den anderen Nationen
kritisiert wurden, da befürchtet wurde, dass die
zuerst Kommenden die Verbotene Stadt unter sich
aufteilen würden. Einer konträren Aussage
zufolge mussten die Amerikaner ihren Angriff
nicht aufgrund von befehligter Zurückhaltung
abbrechen, sondern weil es ihnen trotz schwerer
Geschütze nicht gelungen war, das letzte Tor zur
Verbotenen Stadt einzunehmen. Daraufhin hätten
sich Gerüchte verbreitet, dass die Macht der
Ausländer letztlich doch nicht ausreiche, um bis
auf den heiligen Boden der Verbotenen Stadt
vorzudringen (Siehe unten, wenn auf Argumente
für den Durchmarsch durch die Verbotenen Stadt
eingegangen wird). (Zhang und Du (Hg.)
1990:265). Der Wahrheitsgehalt dieser Variante
konnte anhand der zugänglichen Quellen nicht
mehr überprüft werden. Angesichts der
imposanten und monumentalen Größe des
Meridiantores ist sie jedoch nicht ohne weiteres
von der Hand zu weisen.
Eine der kuriosesten Anekdoten am
Vormittag des 15.8.1900 betrifft einen
französischen Alleingang, bei dem französische
Kanonen auf der Stadtmauer neben dem
Gesandtschaftsviertel postiert wurden. Von dort
aus wurde anschließend "den Damen ein
kleines Bombardement gezeigt" (Pechmann
(Hg.) 2001:87), wobei die amüsierten Zuschauer
genau beobachten konnten, wie die Kugeln in die
gold-gelben Dächer der Palais und Gebäude der
Verbotenen Stadt einschlugen. (Pechmann (Hg.)
2001:87).
Am Nachmittag des 15.8.1900 wurde
bei den erwähnten Verhandlungen der Gesandten
und ältesten Generäle zwar bereits die
Aufteilung des Pekinger Stadtgebiets beschlossen,
doch hinsichtlich der Kaiserstadt zunächst eine
abwartende Haltung eingenommen, da sich die
Befehlshaber noch nicht mit ihren jeweiligen
Heimatregierungen koordinieren konnten. (Weale
1906:226). Die Entscheidung, die Verbotene Stadt
selbst nicht für Plünderungen freizugeben und
nicht die Besetzung durch eine einzelne Nation
zuzulassen, wird in der Literatur oftmals als ein
Kompromiss dargestellt, der verhinderte, dass
sich eine willkürliche und verheerende
Plünderung nach dem Vorbild der Plünderungen
des Sommerpalastes 1860 wiederholte. Doch bei
genauer Betrachtung der Ereignisse zeigt sich zum
einen, wie unten beschrieben wird, dass in der
Verbotenen Stadt und auf dem gesamten Gebiet der
Kaiserstadt in großem Umfang geraubt wurde, wenn
auch nicht in Kombination mit großflächigen
Bränden wie im Jahr 1860. Zum anderen wird auch
deutlich, dass dieser so genannte Kompromiss
nicht den Schutz der Kulturgüter intendierte,
sondern vor allen Dingen der Tatsache geschuldet
war, dass alle Nationen Anspruch erhoben, Zugang
in die Verbotene Stadt zu haben und gleichsam
verhindern wollten, dass die unzähligen Schätze
von einer Nation alleine abtransportiert werden
könnten. (Xiang 2007:110). Der Beschluss der
Generäle sah nun vor, dass diejenigen Nationen,
welche als erste in die Palastanlage eingedrungen
waren, die Bewachung und den Schutz derselben
übernehmen sollten. Dementsprechend wurden vom
15.8.1900 an die Tore der Kaiserstadt auf allen
vier Seiten von russischen und amerikanischen
Truppen besetzt und bewacht.
In einer weiteren Konferenz am
25.8.1900 wurde entschieden, dass die Verbotene
Stadt nicht besetzt werden würde, wohl aber für
einen Truppendurchmarsch (Triumphmarsch)
von der Süd- zur Nordseite freigegeben wurde,
welcher schließlich am 28.8.1900 stattfand. In der Verbotenen Stadt selbst
wurden keine Quartiere aufgeschlagen, wohl aber
in der gesamten Kaiserstadt, welche die Verbotene
Stadt umgab (siehe unter IV.2. Plünderung der
übrigen Kaiserstadt). (Ma 2005:501; Preston
2001:372; Pechmann (Hg.) 2001:98; Xiang
2007:109).
Die Kunstwerke und Sammelobjekte,
welche sich in der Verbotenen Stadt befanden,
waren ausnahmslos besonders hochwertige Objekte.
Arbeiten minderwertiger Qualität fanden
grundsätzlich keinen Einzug in die kaiserlichen
Palastanlagen. Ganz gleich um welche Art von
Gegenstand es sich handelte, die für den
Kaiserhof bestimmten Objekte waren in jedem Fall
von besonderer Rein- und Feinheit, Eleganz und
Schönheit. In der Verbotenen Stadt befanden sich
neben den Wohnräumen für Hofangehörige, wozu
unter anderem Konkubinen, Tänzer, Musiker,
Lehrer, Ärzte usw. gehörten, einige wichtige
Lagerhäuser und Bibliotheken in Form von vielen
kleinen, einstöckigen Gebäuden. Dazu zählte
ein Gebäude für Geld und Wertsachen des
Kaiserhofes sowie weitere Gebäude, in denen
seidene Gewänder, Seidenrollen, bestickte und
mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe, Pelze,
Tee, Perlen und Juwelen, Edelsteine, mit Gold
dekorierte Schuhe und dergleichen aufbewahrt
wurden. In den größeren Hallen, wie etwa in der
Halle zum Schutze der Harmonie oder der Halle der
übergroßen Harmonie, wurden zahlreiche wichtige
Dokumente und Archive des Kaiserhofes aufbewahrt.
(Zhang und Du (Hg.) 1990:275).
Es ist unklar, wann und wie die
Öffnung der Tore zur eigentlichen Verbotenen
Stadt erzwungen wurde, d.h. es besteht die
Möglichkeit, dass einzelne Militärs schon vor
dem 28.8.1900 in die Verbotene Stadt eingedrungen
waren. Im Allgemeinen wird jedoch davon
ausgegangen, dass am oder kurz vor dem 28.8.1900
durch General Chaffee bzw. General Linjewitsch
die Öffnung der Tore der Verbotenen Stadt unter
Androhung der völligen Zerstörung derselben
erzwungen wurde. Es sollen jedoch von einigen
Besuchern bewaffnete, mandschurische Soldaten
beobachtet worden seien, die für den Fall eines
Gewaltausbruchs bereitstanden. (Zhang und Du
1990:274). Die Militärparade war ein Ereignis
von großer Symbolhaftigkeit und jede Nation
ließ eine vereinbarte Anzahl an Soldaten
teilnehmen. Die Truppen marschierten in dieser
Reihenfolge durch das innere linke Tor; nach
Süden gerichtet links) in die Verbotene Stadt
ein: Russland mit 800 Soldaten, Japan mit 800,
Großbritannien, die USA und Frankreich mit
jeweils 300 bis 400 Soldaten, sowie Deutschland
mit 250 und Italien und Australien mit jeweils 60
Soldaten. (Ma 2005:502). In der
Sekundärliteratur wird die Zahl der
teilnehmenden Truppen mit ca. 2300 Mann
angegeben. (Madaro 2006:198).
Während des Durchmarsches durch die
Verbotene Stadt konnten die ausländischen
Besucher nicht nur die Gebäudearchitektur
bestaunen, sondern auch den Inhalt einzelner
Hallen und Palais. In einigen Fällen wurden
kostbare Kulturgüter beschrieben, wie etwa
Fresken und buddhistische Figuren, silberne
Schalen, Jadeschnitzereien, Flaschen, Figuren,
Kerzenhalter und Weihrauchgefäße, die von
einigen Besuchern auf der Nordseite der
Verbotenen Stadt gesehen worden sind. In den
Privatgemächern des Kaisers sahen sie
Fläschchen aus Jade und purem Gold, sowie
Kästchen und Dosen aus Elfenbein, die teilweise
mit Gold dekoriert waren. Der Inhalt, welcher den
Besuchern nicht etwa entgangen war, umfasste
goldene Dekorations- und Schmuckgegenstände,
offizielle Medaillen, kaiserliche Jadesiegel,
Bernsteinketten und weitere Dinge dieser Art.
(Zhang und Du (Hg.) 1990:273,274). Demgegenüber
wurden von einigen Augenzeugen in ihren Berichten
große Mengen von mechanischen Gegenständen,
Uhren, Spieluhren und Musikkästen beschrieben,
die vermutlich aus Europa stammten und zum Teil
als Geschenke an den chinesischen Kaiserhof
gelangten. Diese Palastbesucher nahmen allem
Anschein nach insbesondere diejenigen Dinge wahr,
die ihren Augen bereits vertraut waren, während
sie die chinesischen Kulturgüter kaum
beachteten. (vgl. Hevia 2003:207).
Die ängstlichen und
eingeschüchterten Palasteunuchen, die als
überaus unterwürfig beschrieben wurden, hatten
den Ausländern nichts entgegenzusetzen, sondern
servierten hingegen sogar Tee und Kleinigkeiten
zum Essen. Höhere Militärangehörige stiegen
von ihren Pferden ab, um kleine Gassen zu
erforschen und die kaiserlichen Räumlichkeiten
auszukundschaften. (Zhang und Du (Hg.)
1990:262,263). Im Verlauf des
Truppendurchmarsches kam es ebenfalls zu
Diebstählen. Als die Offiziere und Diplomaten
von den Palasteunuchen durch die kaiserlichen
Gemächer geführt wurden, verschwanden manche
kostbare, bewegliche Gegenstände in den Taschen
und unter den Gewändern der Ausländer. Niemand
war bereit, eine derartige Gelegenheit
verstreichen zu lassen, ohne sich wenigsten ein
Souvenir in die Tasche zu stecken. (Preston
2001:371-373). Die Eunuchen hätten in Gegenwart
der Ausländer eine vollkommen unterwürfige
Haltung eingenommen und bereitwillig
verschlossene Tore geöffnet, wenngleich ihre
Gesichtsausdrücke von Wut und Hass erfüllt
gewesen sein sollen. (Hevia 2003:207; Zhang und
Du (Hg.) 1990:269).
Darüber hinaus wurde (vermutlich am
28.8.1900) für die Oberkommandierenden
verschiedener Nationen eine Besichtigung der
Verbotenen Stadt durchgeführt, wobei allen voran
die beiden russischen Generäle Linijewitsch und
Alexieff sowie ihre Begleitungen bis in die
privaten Schlafgemächer der Kaiserinwitwe Ci Xi
gelangten. Bei dieser Besichtigungstour kam es zu
umfassenden Diebstählen. Die Mehrzahl der
Besucher trugen trotz heißen Wetters
Wintermäntel und Hüte, in denen sie in
unbeobachteten Momenten kleinere Wertgegenstände
verschwinden lassen konnten. Auf diese Weise
wurden beispielsweise zehn mit Gold und
Edelsteinen besetzte, kleine und exquisite
kunsthandwerkliche Arbeiten aus einem gläsernen
Kabinett gestohlen, noch bevor die beiden
Generäle die Verbotene Stadt verlassen hatten.
(Tian 2001:282). Zu den verschwundenen Objekten
aus besagtem Kabinett zählten unter anderem
einige fein gearbeitete Tassen aus Koralle mit
Einlagen aus Gold. Obwohl es vor General
Linijewitsch, der den Raub offiziell nicht
billigte, zum Disput über den Verlust der
Objekte kam, wurde nach den Gegenständen nicht
weiter gesucht. (Zhang und Du (Hg.) 1990:277). In
einer der kaiserlichen Hallen verschwanden einige
große und kostbare Ruyi-Zepter. Die
beiden russischen Generäle teilten dies den
Offizieren mit und versuchten, diese zur Rede zur
Stellen. Letztlich entschieden sie jedoch, dass
diesbezüglich keine Maßnahmen ergriffen werden
müssten. (Zhang und Du (Hg.) 1990:278).
Einige Beobachter bemerkten, dass
sich bei den Rückkehrenden die Kleidungsstücke
geradezu wölbten, weil sich darunter Schätze
aus der Verbotenen Stadt verbargen. Die Besucher
waren beim Verstecken des Diebesgutes äußerst
einfallsreich: Wertsachen wurden nicht nur in
Mäntel, Taschen und Decken gehüllt, wobei auch
kleinere Gegenstände in größeren, etwa in
Porzellanvasen, verstaut wurden. Sondern kleine
Gegenstände wie Schmuck und Juwelen wurden sogar
im Ohr und unter dem Hut abtransportiert. (Xiang
2007:109-115). Beim Diebstahl von Kulturgütern
während dieser Besichtigung und während des
Truppendurchmarsches haben wir es mit
Plünderungen durch Angehörige der obersten
Ränge zu tun: Generäle, Offiziere, Gesandte,
Diplomaten sowie deren Begleitungen. Die
Gegenstände, welche in diesem Zusammenhang
entwendet worden sind, seien es kleinere Gold-,
Silber-, Elfenbein- oder Jadearbeiten, Amulette,
Schmuckstücke, Perlen, Textilien oder Keramiken,
waren (und sind) in jedem Fall von
außerordentlicher Feinheit und Qualität, da sie
für den Kaiserhof und die Kaiserfamilie bestimmt
waren. Die oben erwähnten Kästchen aus
Elfenbein, die sich in den kaiserlichen
Privatgemächern befanden, wurden von einigen
ranghohen Besuchern nicht nur geöffnet, sondern
sogar zerschlagen, da man die Dosen offenbar als
wertlos erachtete, nachdem man den kostbaren
Inhalt bereits in die Tasche gesteckt hatte. Es
kam in zumindest einem Fall sogar vor, dass ein
Offizier einem chinesischen Offiziellen eine
Kette vom Hals riss, die mit Bernstein und Jade
bestückt gewesen sein soll. (Zhang und Du (Hg.)
1990:274).
In den Tagen und Wochen nach dem
28.8.1900 wurde es Offizieren sämtlicher
Nationen sowie deren Begleitung gestattet, in
Anwesenheit russischer Offiziere die Verbotene
Stadt zu besichtigen. Nicht nur in den ersten
Tagen der Besatzung, sondern auch während der
ersten Jahreshälfte 1901 wurde die Besichtigung
der kaiserlichen Palastanlagen zu einem der
beliebtesten und spannendsten Zeitvertreibe der
Offiziere. Alleine das Ministerium für innere
Angelegenheiten zählte mehr als 1500 Offiziere,
die sich in Begleitung chinesischer Beamter die
Verbotene Stadt ansahen. (Xiang 2007:111). Bei
diesen Besichtigungen war es üblich, dass man
sich mindestens ein Souvenir mitnahm. Das konnte
in der Weise geschehen, dass die Besucher
zunächst Gegenstände von Interesse in die Hand
nahmen, genau betrachteten, dann wieder ablegten
oder den Gegenstand in ihren Taschen verschwinden
ließen, bzw. auf dem Rückweg oder im
Vorbeigehen mitnahmen. Die Besichtigungen
erhielten entsprechend den Spitznamen Palastraub
oder den Palast bestehlen. Eine große
Anzahl der wertvollen beweglichen Güter
verschwand auf die oben beschriebene Weise
bereits innerhalb der ersten 14 Tage der
Besatzungszeit. Darüber hinaus nahm der Umfang
dieser Diebstähle durch Offiziere auf
Besichtigungstouren in den darauf folgenden
Monaten zu, da die Gier und der Neid der später
gekommenen Offiziere durch die Erzählungen über
bereits gehobene Schätze beflügelt wurden.
Derartiger Diebstahl in der Verbotenen Stadt war
ein offenes Geheimnis und wurde während der
gesamten Besatzungszeit in Peking praktiziert.
(Liu 2006:87; Tian 2001:281,282; Xiang
2007:112-114).
Zu den Kriegstrophäen der Offiziere
gehörten nicht nur Wertsachen, sondern auch so
genannte Pekinger Haba-Hunde, welche im
Kaiserpalast gezüchtet wurden. Auf den
Besichtigungstouren wurden die kaiserlichen Hunde
als Souvenirs mitgenommen. (Zhang und Du (Hg.)
1990:278). Russische Soldaten waren jedoch in
erster Linie an Uhren und Pelzen interessiert.
Insbesondere waren mechanische Uhren, welche zur
vollen Stunde läuteten und in einigen Fällen
mit Emaille-Arbeiten dekoriert oder mit
Edelsteinen verziert sein konnten, für sie von
besonderem Wert. Chinesische Kunst und
Kulturgüter, wie Bilder oder bemaltes Porzellan,
interessierten sie weitaus weniger. Derartige
Dinge wurden von Russen sehr billig an jeden
beliebigen Interessenten verkauft. Ein russischer
Augenzeuge berichtete, dass er in einer
Feldküche in der Kaiserstadt von Tellern aus der
Zeit der Kaiser Kang Xi (1662-1722n.Ch.) und Qian
Long (1735-1795n.Ch.) gegessen habe. Viele
derartiger Porzellane seien darüber hinaus
zerschlagen worden. (Zhang und Du (Hg.)
1990:278).
Darüber hinaus trug sich geheimer
Diebstahl zu, der nachts durchgeführt wurde,
nachdem die Tore der Palastanlage verschlossen
wurden und die letzten Patrouillen beendet waren. Die Soldaten krochen dabei durch
die Abwasserkanäle unterhalb der Tempelanlage
ins Innere des Kaiserpalastes, oder arbeiteten
sich durch selbst gegrabene Tunnel unter der
Palastmauer hindurch in die Verbotene Stadt.
Nachdem sie sich in der Dunkelheit einen Weg
durch das Labyrinth der Palastanlage suchten und
dabei tragbare Wertsachen in Decken eingehüllt
mitnahmen, verließen sie den Kaiserpalast auf
demselben Weg, den sie gekommen waren. (Wang
2003:424).
Insgesamt waren bis Ende des Jahres
1900 mehr als die Hälfte der beweglichen
Kulturgüter aus der Verbotenen Stadt
verschwunden. (Tian 2001:282). Die Mehrzahl dieser Verluste wurde
niemals dokumentiert. Dem Kaiserpalast gingen
gewaltige Bestände an geheimen Aufzeichnungen
und Dokumenten verloren. Dazu zählten unter
anderem: 47 506 Bände aus den vier
bibliographischen Abteilungen; 135 Bände aus dem
Bing Ye Yi Lan; 120 Bildrollen mit
Abbildungen sämtlicher Kaiserinnen und
Konkubinen vergangener Dynastien; 76
Originalmanuskripte bezüglich der Ahnen der
Kaiserfamilie sowie der Opferrituale an Himmel
und Erde; 74 Bände der Aufzeichnungen bezüglich
der Ehrung der Vorfahren des Qing-Hofes; 48
Bände der Aufzeichnungen über
Vernichtungskriege; 45 Bände der Aufzeichnungen
bezüglich des Alltagslebens des Kaisers Guang
Xu; 31 Bände mit authentischen Schriftstücken
oder Zeichnungen, die von den Kaisern persönlich
angefertigt worden sind; 18 Bände des Ning
Shou Jian Gu; acht Bände von Schriftstücken
des Kaisers Guang Xu; sechs Bände bezüglich
steinerner Gedenktafeln aus der Mandschurei; vier
Bildrollen mit Abbildungen vorangegangener
Kaiser; vier Bände bezüglich eines allgemeinen
Überblicks über das feudale China; vier Bände
zur Erinnerung des Aufstiegs des langen
weißen Drachens (?); ein Band mit
kaiserlichen Siegeln und weitere Dokumente.
(Xiang 2007:114; Tian 2001:283). Darüber hinaus
ereignete sich bereits am 4. Juni 1900 ein Brand
in der Verbotenen Stadt, bei dem die Halle der
Kriegshelden beschädigt wurde. Mit diesem Brand
gingen unter anderem offizielle Dokumente, antike
Bücher, kaiserliche Edikte und öffentliche
Anschläge verloren. (Zhang und Du (Hg.)
1990:297).
Eine kuriose, doch der Gier der
Eindringlinge entsprechende Form von Plünderung
betraf menschengroße Wasserbehälter aus Bronze,
die in der Verbotenen Stadt aufgestellt waren, um
im Falle eines Brandes möglichst schnell an
Löschwasser zu gelangen. Diese Behälter waren
an ihren Außenseiten vergoldet, wobei das Gold
offenbar die Aufmerksamkeit der Plünderer
erregte. Mit Messern und Säbeln kratzten sie die
Vergoldung ab. Die blanken Bronzebehälter, auf
denen die Kratzspuren der Messer zu erkennen
sind, wurden bis zum heutigen Tage so belassen
und können in der Verbotenen Stadt besichtigt
werden. (Zhao 2000:135).
Die einzelnen Beispiele von
Plünderungen in der Verbotenen Stadt erstaunen
aufgrund der Tatsache, dass in der Mehrzahl der
Texte, welche die Plünderungen in Peking 1900/01
behandeln, die Verbotene Stadt als eine Art
Tabu-Zone behandelt wird, die kaum von
Plünderungen betroffen war. Es ist daher
anzunehmen, dass das Ausmaß der verheimlichten,
niemals dokumentierten Diebstähle in der
Verbotenen Stadt sehr groß ist.



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